Kultur : Marlene Dietrich: Die Frau, die die Männer liebten

Christian Schröder

Die Männer waren verrückt nach ihr. Willy Forst schreibt ihr Anfang der dreißiger Jahre: "Mein süßer Hase, heute ist es wieder einmal ganz schlimm. Ich laufe in meinen 4 Wänden herum, sage laut die zärtlichsten Worte und mein Herz tut weh vor lauter Sehnsucht und - Du bist nicht da." Zwanzig Jahre später - im Briefkopf steht: "Havanna, 12/12/53" - ist auch Hemingway verzweifelt: "I used to be happier to hold you close in your damned waking clothes." Bei den waking clothes handelt es sich um eine Wortschöpfung des Literaten, er hat sie nie im Schlafanzug, ihren sleeping clothes, umarmen dürfen, war aber trotzdem damals glücklicher. Seinen Brief unterschreibt er, eher unsexy, mit "Papa". Burt Bacharach, der sie 1964 nicht nur als Pianist bei einer Tournee begleitet, fasst sich kürzer. Er notiert auf einer Partitur: "I love you."

I love you: Darauf lief es bei Marlene Dietrich immer wieder hinaus. Im Laufe ihrer Karriere hat sie viele berühmte Männer getroffen, und viele dieser Männer wurden - ein paar Wochen oder Monate, manchmal sogar länger - ihre Liebhaber. In ihren Filmen spielte sie meistens die femme fatale, und weil diese Rolle so gut zu ihr passte, hat sie sie außerhalb der Studios weitergespielt. "Männer umschwirren mich wie Motten das Licht / Und wenn sie verbrennen - ja dafür kann ich nicht", sang sie in "Der blaue Engel", dem Film, der sie 1930 berühmt machte. Im wirklichen Leben scheint es manchem ihrer Liebhaber nicht besser ergangen zu sein. Bewundern ließ sich die Dietrich gerne, aber niemals in Besitz nehmen. Und weil sie sich immer wieder entzog, versuchten die Männer ihr wenigstens mit Worten nahe zu sein. In den Liebesbriefen, die sie schrieben, lodert die Leidenschaft umso heftiger, je größer die Verlustangst ist. "Warum bist Du so einmalig himmlisch und alle anderen Frauen so gräßlich?", fragte der arme Forst. Ihre Unberührbarkeit machte die Dietrich begehrenswert, nicht bloß für ihre Liebhaber, sondern auch für die Kinozuschauer. Den Liebhabern gab sie auch deshalb den Laufpass, weil sie fürchtete, dass zu feste Beziehungen ihrer Leinwandattraktivität schaden könnten. Am Ende hockte sie in ihrer selbst gewählten Einsamkeitshöhle in Paris, Avenue Montaigne 12, und schrieb an den Rand einer Illustriertengeschichte über Robert Redford: "He is still my DREAM-MAN!"

"Forever young" heißt die Ausstellung, mit der das Berliner Filmmuseum Marlene Dietrichs 100. Geburtstag feiert. Sie selber mag sich konsequent drei Jahre jünger gemacht haben, doch die Urkundenlage ist eindeutig: Marie Magdalene Dietrich erblickte am 27. Dezember 1901 in Berlin-Schöneberg das Licht der Welt. Der Ausstellungstitel stammt von Bob Dylan, der seinen gleichnamigen Song bei einem Berliner Konzert der Diva widmete. Acht Jahre nach dem Tod der Schauspielerin meint dieser Titel ihren Mythos, der tatsächlich unverwüstlich scheint. Er trifft aber auch die Tragik des Menschen: In ihre Pariser Wohnung, in der sie niemanden mehr empfangen wollte, hatte sich die Dietrich 1976 zurückgezogen, weil die Welt nicht sehen sollte, dass sie alt geworden war. Marlene wurde ein Opfer des Jugendwahns, ihres eigenen.

Die Ausstellung im Filmhaus am Potsdamer Platz ist, im Wortsinn, eine intime Angelegenheit. In einem feierlich illuminierten, nur etwa 300 Quadratmeter großen Saal sind etwa 150 Exponate aus dem Dietrich-Nachlass zu sehen, der 1993 vom Land Berlin angekauft worden ist. "Wir haben uns gefragt", sagte Kurator Werner Sudendorf, "wen Marlene Dietrich wohl zu ihrem Geburstag eingeladen hätte". Also baumeln Porträts der Menschen, die im Leben der Dietrich eine Rolle spielten, von der Decke, und in den Vitrinen sind die Relikte dieser Beziehungen zu sehen, sozusagen Geburtstaggeschenke: Von Douglas Fairbanks Jr. eine Lederhose, die er 1937 beim gemeinsamen Österreich-Urlaub trug; von Vittorio de Sica eine Juwelenkette, das er der Dietrich 1956 im Film "Die Monte Carlo Story" um den Hals legte; von Billy Wilder eine knappe Notiz vom Dreh zu "A Foreign Affair" - "Es ist ja nur ein Film, Frau Doktor. R-e-l-a-x!" Die Dietrich war bekannt für ihre preußische Disziplin, aber sie hat auch gern gefeiert. Fotos in der Ausstellung zeigen sie bei Hollywood-Partys und in Restaurants, als Mittelpunkt einer In-Crowd der Reichen und Schönen. Auf einem Bild sticht sie in einem Las-Vegas-Hotel eine gigantische Torte an. Sie guckt, fatale Frau selbst beim Feiern, so grimmig, als wollte sie mit dem Messer gleich auf den Fotografen losgehen. Liz Taylor hat sie gehasst, weil die 30 Jahre Jüngere ihr mehrfach Männer ausspannte. Noch am Ende ihres Pariser Exils stellte sie eine Liste "The men E. Taylor ruined" auf. Die Dietrich konnte auch ein Biest sein.

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