Kultur : Marmor, Stein und Eisen spricht

Graffiti zu Denkmälern: Der mexikanische Künstler Damián Ortega ist für den Preis der Nationalgalerie nominiert

Nicola Kuhn

Die Polizisten dürften nicht schlecht gestaunt haben. Nachdem der adrett gekleidete junge Mann mit dem kleinen Kinnbärtchen erst einmal Tisch, Stuhl und Bett mühsam auf die Fußgängerbrücke am Holsteinischen Ufer geschafft hatte, warf er diese in einem weiteren Kraftakt über das eiserne Geländer einfach in die Spree. Damián Ortega bekam allerdings selbst den größten Schrecken, als ihn die beiden Uniformierten darauf streng befragten, was er denn hier mache. Der mexikanische Daad-Stipendiat fürchtete sogleich, das Ende seines Berlin-Aufenthalts sei gekommen. Die Errettung brachte ihm schließlich einer der Polizisten, indem er etwas freundlicher wissen wollte, ob dies alles vielleicht nur ein Kunstprojekt sei.

Ja, und eines der poetischsten des vergangenen Jahres dazu. Wer sich das dazugehörige Video anschaut, das die gesamte Aktion dokumentiert, gerät selbst ins Träumen angesichts dieser surrealistischen Performance – aus der am Ende glücklicherweise kein gestrenger Polizist erweckt. Hier fehlt der Auftritt staatlicher Autorität, von dem Ortega heute mit einem Schmunzeln erzählt. Statt dessen plumpsen am Ende des Films Tisch, Stuhl und Bett einfach nur ins Wasser, nachdem der Künstler die drei Möbelstücke von seiner Schöneberger Wohnung aus mühsam in die U-Bahn geschafft und schließlich am Bahnhof Bellevue wieder an die Erdoberfläche befördert hat. In solch eine fantastische Wirklichkeit passen Polizisten einfach nicht, in der ein BVG-Fahrgast mit seinem Mobiliar die Bahn besteigt, während der ruckelnden Reise noch liebevoll Tischdecke glattstreicht und Blumenvase zurechtrückt, um die Möbel dann in der Spree „frei zu lassen“, wie Ortega es nennt.

Der 39-Jährige besitzt eine ganz besondere Liebe zu den Objekten, das war schon auf der vierten Berlin-Biennale im letzten Frühjahr zu sehen. Dort hatte er die drei Möbelstücke in einer Wohnung in der Auguststraße ausgestellt, wo sie die Ausstellungsbesucher in höchste Verwirrung versetzten. Denn Tisch, Stuhl und Bett besaßen mobile Beine, die sich immer dann in Bewegung setzten, sobald ein Besucher die Wohnung betrat. Die charmante Installation besaß das Zeug zum Lieblingskunstwerk der gesamten Biennale. Ganz offensichtlich hat sich jedenfalls die Jury für die short-list des Preises der Nationalgalerie für Junge Kunst von ihr bezaubern lassen. Neben Tino Sehgal, Ceal Floyer und Jeanne Faust machte sie den seit April in Berlin lebenden Mexikaner zu einem der vier Finalisten für die mit 50 000 Euro am höchsten dotierte Auszeichnung für Gegenwartskunst in Deutschland. Im Herbst wird sich das Quartett im Hamburger Bahnhof mit neuen Arbeiten präsentieren, Ende September, zur Eröffnung der Kunstmesse Artforum, soll dann der Gewinner gekürt werden.

Bereits die Nominierung für die Endrunde ist für Ortega ein Glückstreffer, gibt sie ihm doch eine weitere Gelegenheit, sich in der Stadt zu präsentieren, die ihn mit so offenen Armen empfing und für internationale Künstler seit Mitte der neunziger Jahre als eine der gefragtesten Adressen gilt. Gegenwärtig wohnt der Mexikaner in einer der riesigen Altbauwohnungen, die der Deutsche Akademische Austausch Dienst (daad) in Wilmersdorf, Schöneberg und Charlottenburg für seine Gäste gemietet hat: Stuck, Parkettfußboden, in der Küche noch die alten Fliesen und in Ortegas Bleibe als Unikum ein riesiger Safe, den bis heute offensichtlich niemand aus seiner Ecke zu bewegen vermochte.

Hinter einem bombastischen Schreibtisch, der zum festen Inventar der ansonsten fast leeren Wohnung gehört, hat sich der Weltenbummler eingerichtet, der zuletzt in Lissabon und Rio de Janeiro lebte. Hier hat er auch das Mobiliar für seine zweite Berlin-Auftritt entwickelt – aus einem Puzzlespiel. Wenn heute Abend in der Daad-Galerie die gemeinsam mit dem japanischen Stipendiaten Shimabuko entwickelte Bar „Fish & Ships“ eröffnet wird, dann stammen die Sitzmöbel von Damián Ortega. Es sind ins Dreidimensionale übersetzte Puzzlesteine aus MDF-Material, die sich im Laufe des Barbetriebs immer weiter voneinander entfernen, um in neuen Konstellationen zueinander zu finden und damit die veränderlichen Wege der Kommunikation zu demonstrieren. Für Ortega stellt diese mobile Skulptur zugleich „eine Art Weltkarte“ dar, die sich permanent neu definiert.

Dazu serviert das mexikanisch-japanische Ausstellungsduo einen Cocktail, auf den die Freunde bei ihrer ersten Begegnung in Rio de Janeiro gestoßen waren: den Sakepirinha, bestehend aus japanischem Sake und lateinamerikanischer Caipirinha. Der Getränkemix repräsentiert für die beiden Künstlernomaden jene globale, kulturelle Mixtur, die sich auf den internationalen Ausstellungen und Biennalen wiederfindet.

Auf der Biennale von Venedig war Ortega 2002 der Durchbruch mit einer spektakulären Arbeit im Arsenale geglückt. Er zerlegte einen VW-Käfer, die mexikanische Ikone des Automobils, in seine Einzelteile und hängte sie in die Luft. Ähnlich wie bei seinen Möbeln verleiht Ortega, der als 16-Jähriger sein Elternhaus in Mexiko-City verließ, um bei einem Maler, einem Cartoonisten und einem Bildhauer in die Schule zu gehen, auch einem ganz gewöhnlichen Wagen völlig neue, geradezu menschliche Eigenschaften. Sein eigenes Auto vergrub er kopfüber in einem Garten. Nur noch die Räder schauten über die Grasnarbe heraus, als wären es vier Grabplatten.

Das Spiel mit Ironie und Ernst, der hintergründige Wechsel zwischen den Bezugsebenen verleiht auch dem neuesten Skulpturenprojekt seinen besonderen Reiz. Ortega überträgt Graffiti, metergroß geschriebene Tags, ins Dreidimensionale und lässt sie anschließend in Marmor ausführen. Was einst eine renitente Markierung des Stadtraums war, ein Symbol jugendlichen Widerstands, wandelt sich in eine Edel–

skulptur, die entfernt an Arbeiten von Henry Moore erinnert. Umgekehrt ist Ortegas Skulptur auf diese Weise eine subversive Kraft eingeschrieben.

Damian Ortega gehört zu einer jungen Generation erfolgreicher mexikanischer Künstler, die in den verschiedenen Medien wie Skulptur, Installation, Fotografie und Video arbeiten. Ihnen allen – ob Teresa Margolles, Gabriel Orozco oder der seit zwanzig Jahren in Mexiko-City lebende Belgier Francis Alys – ist die kritische Bestandsaufnahme des Alltags und seine poetische Umdeutung gemeinsam. Das mag drastisch ausfallen, wie bei den Morgue-Ausbeuten von Teresa Margolles oder zärtlich wie bei den Stadtklang-Spaziergängen von Francis Alys, doch ist immer die Intensität des unmittelbaren Lebens spürbar, nach dem der Ausstellungsbetrieb auf der Suche nach neuen Talenten so begierig Ausschau hält. Ortegas Barbetrieb in der Daad-Galerie wird nicht über mangelnde Nachfrage klagen müssen.

daad-Galerie, Zimmerstr. 90/91, bis 24. Januar, 18 bis 23 Uhr. Ab dem 20. Januar finden abends um 19 Uhr jeweils Gespräche mit daad-Künstlern statt.

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