Kultur : Marmorpalais in Potsdam: Ein preußischer Orient

Helmut Caspar

Das frühklassizistische Marmorpalais im Potsdamer Neuen Garten, bis zum Ende der DDR als Armeemuseum eher miss- denn gebraucht, gewinnt nach und nach seine historische Gestalt zurück. Die zwischen 1787 und 1791 für König Friedrich Wilhelm II., den Neffen und Nachfolger Friedrich des Großen, nach Plänen von Karl von Gontard sowie Carl Gotthard Langhans erbaute Sommerresidenz war nach Übernahme durch die "Nationale Volksarmee" der DDR zwar vor dem Verfall bewahrt worden, musste aber eine ruppige Behandlung über sich ergehen lassen.

So wurden die schon in den fünfziger Jahren begonnenen Restaurierungsarbeiten abgebrochen. Stattdessen fügten die neuen Herren Zwischenwände, Kabelschächte und Elektroheizungen ein, um Waffen, Fahnen und Uniformen zeigen zu können. Wände wurden verstellt, Malereien und Seidentapeten verschwanden, Intarsienfußböden wurden durch Betonestrich, Linoleum und Spannteppich ersetzt.

Diese hässlichen Zutaten wurden nach Übernahme des Gebäudes und des Neuen Gartens durch die Preußische Schlösserstiftung beseitigt. Untersuchungen ergaben, dass im Schloss am Heiligen See vieles zu retten ist, zumal in den Depots der Schlösserstiftung zahlreiche originalen Ausstattungsstücke erhalten waren, die man nun wieder einbauen konnte, so Türen, Paneele oder Teile des Parketts. Dazu kamen auch italienische Kaminumrahmungen, die Friedrich Wilhelm II. in Italien hatte beschaffen lassen. Sorgfältig wurden auch Stoffreste und Splitter von Fußböden für eine spätere Rekonstruktion gesammelt.

Die einzigartigen Bildhauerarbeiten und Stuckaturen, die über 200 Jahre alten Möbel und die farbenfreudigen Ausmalungen machen den besonderen Reiz der königlichen Wohn- und Gesellschaftsräume aus, die durch Restauratorenkunst in ihren originalen Zustand zurückversetzt wurden und nach einem halben Jahrhundert Unterbrechung wieder von Schlossbesuchern besichtigt werden können. Demnächst sollen die aus England stammenden Wedgwood-Vasen auf Tische und Kamine gestellt werden, womit dann das historische Interieur wieder komplett wäre.

Wiederhergestellt wurden in den letzten Jahren unter anderem das zum Rundgang gehörende "Türkische Zeltzimmer", das sich Friedrich Wilhelm II. in seiner Sommerresidenz einrichten ließ. Der mit blau-weiß gestreiftem Atlas ausgeschlagene Raum ist ein Beispiel für den Ende des 18. Jahrhunderts gepflegten Exotismus, für einen Orient mitten in Preußen.

Wie die Fama erzählt, soll sich der Cello spielende Herrscher und Freund schöner Frauen in diesem Raum in so etwas wie "Tausend und eine Nacht" versenkt haben, und wenn es ihm nach dem Erwachen aus seinen Träumen nach freiem Blick auf das Wasser gelüstete, ließ er die mit Perlenstickereien eingefassten Stoffbahnen beiseite raffen. Die von Langhans entworfene Raumausstattung, zu der auch ein blau-weiß bezogener Diwan und ebensolche Sessel sowie mit Straußenfedern geschmückte Seidendraperien in der Art von Leopardenfellen gehörten, ging im Zweiten Weltkrieg verloren. Anhand von Stoffresten und alten Zeichnungen gelang es Restauratoren der Schlösserstiftung mit Unterstützung des Vereins der Freunde der Preußischen Schlösser, die orientalische Märchenwelt im "Türkischen Zeltzimmer" zu neuem Leben zu erwecken.

Die Berliner Cornelsen Kulturstiftung, die sich bereits mit Millionensummen um die Restaurierung von Ausstattungsstücken in den Preußenschlössern Caputh, Königs Wusterhausen und Paretz verdient gemacht und bereits zuvor zur Restaurierung des Marmorpalais beigetragen hat, sprang nun auch bei der Wiederherstellung des edel dekorierten Konzertsaals Friedrich Wilhelms II. und des "Türkischen Zeltzimmers" im Obergeschoss des Marmorpalais mit einer namhaften Summe ein. Beim Rundgang wird auch dieses Beispiel modernen Mäzenatentums nicht unerwähnt gelassen.

Zur Besichtigungstour gehören weitere Räume mit "arkadischen" Ausmalungen, wiederhergestellt sind auch der Konzertsaal, das königliche Ankleide- und Schlafzimmer und weitere Säle. Die Schlösserstiftung wertet den jetzt erreichten Stand als entscheidendes Etappenziel und konzentriert sich nun auf bisher noch unsanierte Räume im Untergeschoss.

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