Martenstein die Letzte : Falsche Mittel

Es gibt viele Spielfilme über die RAF und den deutschen Terrorismus. Andreas Veiels "Wer wenn nicht wir" ragt aus der Masse heraus, weil er einen differenzierten Blick auf die Terroristen wirft.

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Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein bei der Berlinale.
Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein bei der Berlinale.Foto: Thilo Rückeis

Es gibt viele Spielfilme über die RAF und den deutschen Terrorismus. Wenn Hitler und Goebbels seit ein paar Jahren die attraktivsten Männerrollen für deutsche Darsteller sind, im politischen Film jedenfalls, dann sind Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin wahrscheinlich die attraktivsten Frauenrollen. Warum? Aus dem gleichen Grund, aus dem fast jeder Schauspieler irgendwann den Doktor Faust oder den Mephisto geben möchte. Die Frage nach „gut“ und „böse“, nach „richtig“ und „falsch“ stellt sich an fast jedem Tag des Lebens, meistens in den kleinen Dingen, hier werden sie ganz groß verhandelt.

„Wer wenn nicht wir“ von Andres Veiel ist der beste RAF-Film, den ich bisher gesehen habe – nicht, weil er meisterhaft inszeniert wäre, das ist er nicht, er hat Längen. Veiel wirft aber einen differenzierteren Blick auf die Terroristen als andere. Sie sind keine schicken Rebellen, die sich, mit den falschen Mitteln, gegen das Erbe der Nazis auflehnen. Sie sind, im Gegenteil, noch völlig gefangen in deren Denkmustern, ein Leben zählt nichts, Ideen zählen alles. Heroismus ist sehr wichtig. Wer zurückbleibt, um den ist es nicht schade. Die RAF-Leute sind aber trotzdem keine „Linksfaschisten“, wie ihnen manchmal vorgeworfen wurde, sie sind traumatisiert, sie stehen unter Wiederholungszwang. Am Anfang des Films erschießt der Nazidichter Will Vesper die Katze seines Sohnes, danach erklärt er dem Sohn liebevoll und geduldig, warum das so sein muss. Anschließend erzählt der Film die gleiche Geschichte ein zweites Mal, diesmal geht es nicht mehr um Katzen, sondern um Menschen.

Am Ende der Berlinale sind alle erschöpft, wie immer. Auf dem Weg ins Kino lief ich an einem Plakat vorbei, auf dem eine Romanpremiere angekündigt wurde. Der neue Roman von Jörg Thadeusz, der recht häufig im Radio und im Fernsehen moderiert, auch während der Berlinale, und Kolumnen schreibt. Das hat mich völlig fertiggemacht. Wie kann man das alles schaffen? Ich habe ihn gefragt. Er hatte im Sommer ein paar Monate frei, da sei ihm langweilig gewesen. Bei der nächsten Berlinale läuft wahrscheinlich ein Film, in dem mein Kollege Thadeusz Regie führt, oder er spielt eine Hauptrolle im nächsten RAF-Drama.

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