Martenstein kommentiert : Bei manchen Filmen hilft nur noch Klebstoff schnüffeln

Lustige Filme sind viel schwieriger, meint unser Kolumnist Harald Martenstein. Wer dramaturgisch nichts drauf hat, sollte Lieber eine vierstündige Odyssey sprachloser Kinder im Kosovo drehen. Da schöpft niemand Verdacht.

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Unser Autor Harald Martenstein.
Unser Autor Harald Martenstein.ddp

Ich möchte ein paar Inhaltsangaben von Kinderfilmen zitieren, aus dem Berlinalekatalog. Film 1: Einblick in die Seele eines verschlossenen Jungen. Film 2: Odyssee durch das laotische Hinterland. Film 3: Leben in der vom Erdbeben verwüsteten Stadt Port-au-Prince. Film 4: Sascha kann nicht mehr lachen. Film 5: Darüber, wie es sich anfühlt, Flüchtling im Niemandsland zu sein. Wahrscheinlich fühlt man sich als Flüchtling im Niemandsland ähnlich wie nach dem 20. Berlinalefilm. Warum gibt es immer so wenige Komödien im Festival? Ich bin sicher, der kleine Sascha könnte wieder lachen, wenn man ihm einen lustigen Film zeigt. Sogar im laotischen Hinterland würde die Stimmung steigen. Komödien sind auch Kunst, Billy Wilder und Charlie Chaplin nicht weniger wert als Ingmar Bergman. Komödien sind meiner Ansicht nach sogar schwieriger zu machen als ernste Filme.

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Martenstein auf der Berlinale
Martenstein auf der Berlinale

Wenn eine Komödie nicht lustig ist, merkt man sofort, dass der Regisseur etwas falsch gemacht hat. Bei einem ernsten Film denkt man, na ja, sterbenslangweilig, aber vielleicht ist es Kunst, und ich bin bloß zu dumm, es zu erkennen. Wer als Regisseur wenig Erfahrung mit Timing und Dramaturgie besitzt, sollte sich erst mal an einer vierstündigen Odyssee sprachloser Waisenkinder durch das vom Bürgerkrieg verwüstete Kosovo versuchen, da kannst du nicht viel falsch machen. Wenn du nicht weiter weißt, lass tote Krähen vom Himmel regen, starke Metapher. Oder den Kindern läuft plötzlich radioaktives Blut aus den Augen – sagt nicht, dass ihr’s von mir habt. Wenn die Berlinalekinder ihre entbehrungsreiche Kindheit hinter sich haben, sind sie endlich traurig genug für die Sektion Generation 14plus.

Schauen wir in den Katalog. Film 1: Nach dem Tod der Mutter flieht ein Junge in die Wälder. Film 2: In der Abgeschiedenheit endloser Wälder droht der Tod. Film 3: Ein blind geborener Jugendlicher zieht allein in die Hauptstadt. Film 4: Nur der Klebstoff, den sie schnüffeln, lässt sie ihr Leben ertragen. Das können natürlich gute Filme sein. Trotzdem, gebt den Jugendlichen am Kinoausgang wenigstens ein bisschen Klebstoff zum Schnüffeln.

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