Martenstein kommentiert die Berlinale : Vorzeichen des Rücktritts

Der Papst-Rücktritt platzt mitten in die Berlinale. Doch ganz unerwartet kam der Rückzug des Pontifex zumindest für aufmerksame Kinogänger nicht. Denn ob in Kalendern oder auf der Leinwand - die Anzeichen sind überall, findet unser Kolumnist.

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Unser Autor Harald Martenstein.
Unser Autor Harald Martenstein.ddp

Am Tag, als Johannes Paul II. starb, ist zufällig auch Erwin Teufel aus dem Amt geschieden, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Eine Zeitung wählte daraufhin, offenbar ohne jeden Hintergedanken, die Doppelschlagzeile: „Papst gestorben – Teufel zurückgetreten“.

Als „Before Midnight“ zu Ende war, guter Film übrigens, schauten alle auf ihre Handys. Papst erschöpft zurückgetreten – Teufel fit wie Turnschuh. Wenn Gott zu den Menschen sprechen würde, hätte er vor etwa drei Wochen öffentlich erklärt: „Ich stehe voll hinter dem Papst.“ Wenn dein Chef so etwas sagt, weißt du ja, dass deine Abschiedsstunde gekommen ist.

Es bleibt eine paranormale Berlinale. Eine Kollegin erinnerte daran, dass schon im letzten Jahr während des Festivals jemand sehr Wichtiges zurückgetreten ist, der Bundespräsident. Jetzt also der Papst. Seltsam. Wer ist 2014 fällig?, fragen jetzt alle. Der Dalai Lama? Ich hoffe auf Joseph Blatter, den Fifa-Präsidenten. Noch seltsamer: 2011 lief ein Film von Nanni Moretti in Cannes, „Habemus Papam“, in dem es um den Rückzug eines Papstes aus dem Amt ging – 2011 lief der Film, am 11.2. passierte es tatsächlich. Noch seltsamer: In einem Abreißkalender dieses Jahres, er heißt „Karicartoon“, ist auf dem Blatt für den 10. Februar ein Papst zu sehen, der gerade im Lotto gewonnen hat. Er sagt: „Morgen kündige ich!“

Es gab Zeichen. Warum hat Dieter Kosslick Filme mit Titeln wie „Die Nonne“ oder „Paradies: Hoffnung“ ins Programm genommen? Warum geht es im polnischen Wettbewerbsbeitrag um die tabuisierte Sexualität von katholischen Priestern? Die verbreitete Unzufriedenheit mit dem Wettbewerb, in dem es nicht viel Bemerkenswertes gibt, sollte man nicht dem Festival ankreiden, sondern höheren Mächten. Für uns, die Berichterstatter, gilt: Wir treten nicht zurück. Wir schauen weiter Filme, in denen eine halbe Stunde lang Vorhänge auf- und abgehängt werden, in denen 80 Prozent der Kritiker die Handlung nicht kapiert haben oder in denen die Urinbecken Augen besitzen und den Männern beim Wasserlassen vertraulich zuzwinkern. Wir spüren die Last. Ein polnischer Kardinal hat den Rücktritt des Papstes mit folgendem Satz kritisiert: „Vom Kreuz steigt man nicht herunter.“

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