Martenstein kommentiert die Berlinale : Wo der nackte Rabbi tanzt

Jedes Jahr schaut sich unser Kolumnist Harald Martenstein einen Berlinale-Film an, in dem Grenzbereiche menschlichen Sexualverhaltens erkundet werden. Diesmal wundert er sich über festgetackerte Hoden und einen Ödipuskomplex.

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Unser Autor Harald Martenstein.
Unser Autor Harald Martenstein.ddp

Ich weiß jetzt schon, welche Szene mir von dieser Berlinale lange im Kopf bleiben wird. Es ist der strippende Rabbi, der mit Rabbinerbart und Rabbinerhut, aber mit nacktem Unterkörper über einer leeren Flasche hockt. Dann nimmt er den Flaschenhals ganz vorsichtig mit seinem Anus auf, und scheißt, ich glaube, eine Art Thorarolle in die Flasche hinein. Starke, außergewöhnliche Bilder, das ist es ja, worauf man bei so einem Festival wartet.

Der nackte Rabbi, der ursprünglich tatsächlich Rabbiner werden wollte, bevor er sich, vermutlich nicht zur Freude seiner frommen Eltern, für die Performance entschied statt für die Religion, sagt, dass Juden seine Show mögen. Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Zitat: „Juden finden es schön, dass Judentum auch einen hohen Unterhaltungswert haben kann.“

Man nennt diese Form der Unterhaltung nicht Strippen, sondern Burlesque. Es ist künstlerischer als Strippen. Eine Frau zieht sich zum Beispiel auf einer Bühne aus und legt vor dem Publikum perfekt ein Ei, also, aus der Vagina heraus. Das Ei isst sie dann auf, es ist nämlich hart gekocht. Eine andere Frau kann mit den Schamlippen winken wie andere Leute mit den Händen. Sie sagt: „I am the Moon and you are the man on me.“ Ein anderer Typ tackert sich aus künstlerischen Gründen mit einer Maschine die Hoden am Hintern fest – genau das sind wohl die „eindrücklichen Leinwandmomente und anregenden Begegnungen“, von denen Staatsminister Bernd Neumann in seinem Grußwort für das Festival gesprochen hat.

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Martenstein auf der Berlinale
Martenstein auf der Berlinale

„Exposed“ von Beth B., der Film über Neo-Burlesque in New York, hat mir gut gefallen, weil die Tänzer eine große Würde haben, und weil man versteht, warum sie das tun. Sie sind eben ganz sie selbst. Ich gehe jedes Jahr in einen Berlinale-Film, in dem Grenzbereiche menschlichen Sexualverhaltens erkundet werden. Im letzten Jahr war es der Film mit der Frau, die sich einen Gummipenis umschnallt und mit ihrer Mutter schläft.

Auch der Ödipuskomplex ist längst keine Männerdomäne mehr. Falls Sie den nackten Rabbi tanzen sehen wollen: Er heißt Rose Wood und tritt im Klub Slipper Room auf, Lower East Side.

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