Kultur : Martenstein über Hollywoodschrott und die heimliche Weltmacht in Europa

Martenstein

Wenn ich über die Berlinale laufe, sagen die Leute ständig: „Das, was ich Ihnen jetzt erzähle, dürfen Sie aber auf keinen Fall in der Kolumne bringen.“ Ich stand in der Warteschlange vor einem Hollywoodschrottfilm, neben mir stand der bedeutendste Filmkritiker. Er sagte: „Ich halte die Filmkunst nicht mehr aus. Ich muss zur Erholung einen easy relaxenden Hollywoodschrottfilm sehen. Das dürfen Sie auf keinen Fall in der Kolumne bringen.“ Hinterher habe ich gesehen, dass er in einer dieser Bewertungspunktelisten dem Hollywoodfilm, in dem sich alle vor Amüsemang auf die Schenkel hauten, die Einstufung „indiskutable, intellektuell unzureichende Scheiße“ gegeben hat. Filmkritiker, Fußballschiedsrichter, es ist praktisch das Gleiche.

Manchmal wird einem bei der Berlinale auch mulmig, wenn man an die Staatsfinanzen denkt. Wir haben die Filmpartys doch nur von unseren Enkeln geborgt! Waren Sie mal in der Berliner Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen? Ich verstehe nicht, wieso in Berlin über den Wiederaufbau des Stadtschlosses diskutiert wird, es steht doch bereits wieder, Hiroshimastraße 12. 4000 Quadratmeter. Sie haben sogar Dolmetscherkabinen, obwohl man in Niedersachsen ebenfalls Deutsch spricht. Beim nordrhein-westfälischen Filmempfang tasteten Suchscheinwerfer den Himmel ab, vielleicht befürchteten sie einen Angriff der niedersächsischen Luftwaffe. Sekt des Jahrgangs 2000 und Veronica Ferres wurden kredenzt, der nordrhein-westfälische Staatschef pries die Filmindustrie seines Reiches, der Niedersachsen nichts entgegenzusetzen habe, und sagte mit malmenden Kiefern: „Nordrhein-Westfalen ist das sechstgrößte Land der EU. Wenn wir uns mit Niedersachsen verbünden, sind wir gemeinsam Weltmacht Nummer eins. Das dürfen Sie aber auf gar keinen Fall in der Kolumne bringen.“

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