Kultur : Martenstein weiß, dass Schauspieler erst mit 28 vernünftig werden

Martenstein

Dies ist eine kurze Kritik der Zeit. Der Frühfilm fängt immer morgens um neun an. Alle Leute berichten über das gleiche Phänomen: Man glaubt beim Aufstehen nie, dass man es rechtzeitig schafft, diesmal bestimmt nicht, dann schlüpft man halt doch genau 30 Sekunden vor Filmbeginn irgendwie ins Kino und in eine zeitkritische Stimmung hinein.

Neben mir saß ein Mann, der noch vor kurzem mit Julia Jentsch Theater gespielt hat, auf einer Charlottenburger Kleinbühne namens „Charlottchen“. Jetzt ist Julia Jentsch, 26, alias „Sophie Scholl“, der große Berlinalestar, schaut von tausend Plakatwänden und muss zehntausend Interviews geben. Die Interviewer fragen sie sinngemäß, wie sie den Nahostkonflikt lösen würde, wie die letzte Stelle der Zahl Pi heißt und ob Gott existiert, Julia Jentsch gibt dann sinngemäß zur Antwort, dass sie am liebsten Vanilleeis isst und als ein Kind ein Meerschweinchen hatte. Meiner Ansicht nach sollte man Schauspieler gesetzlich erst ab dem 28. Geburtstag interviewen dürfen, vorher bringt das nichts.

Ein deutscher Star wurde geboren, sie haben ihn gehyped bis zum Umfallen, dann wurde der Star nach USA exportiert, spielte ein paar mittelgroße Rollen in mittelguten Filmen, kam zurück, sagte in Interviews, dass sie nicht ausgelastet sei, zu wenige Rollen, obwohl sie gestern noch gefragt wurde, ob Gott existiert und ob zufällig sie selber das sei, jetzt wohnt sie in Kreuzberg und sitzt als Grand Old Lady des deutschen Films in der Berlinalejury. Dies ist die Story der Julia Jentsch von vor sieben Jahren, welche Franka Potente hieß und damals noch eine Winzigkeit jünger war als Julia Jentsch heute.

In den Interviews der Hypephase sagte Franka Potente immer, ihr Vorbild sei Meryl Streep. Heute sagt sie, sie habe keine Vorbilder. Die Zeit ist manchmal echt scheiße. Meryl Streep hat ihren allerersten Film übrigens mit 28 gemacht.

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