Martensteins Berlinale (5) : Muss Filmkunst wirklich wehtun?

Welchen Schaden die These "Kunst muss wehtun" anrichtet, sieht man jeden Tag bei der Berlinale. Wenn das Publikum scharenweise aus dem Kino flüchtet, denken manche Regisseure, dies sei der Beweis dafür, dass sie große Künstler sind.

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Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein bei der Berlinale.
Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein bei der Berlinale.Foto: Thilo Rückeis

Kritik in Kürze: Der Tschernobylfilm im Wettbewerb sah aus wie ein schlechtes russisches Musikvideo. Russen saufen viel, prügeln sich gern und stehen beim Sex nicht unbedingt auf Zärtlichkeit. Dass in der Gegend um Tschernobyl jetzt tausend Jahre lang keine Popkonzerte mehr stattfinden, findet man nach diesem Film uneingeschränkt gut.

Aber es ist kein Konsensfilm. Das Wort „Konsensfilm“ stand in einer Kritik zu „Almanya“. Der Film sei lustig, unterhaltsam, sympathisch und alles, aber abzulehnen, weil er ein Konsensfilm ist. Abgesehen davon, dass diese These nicht stimmt – Thilo Sarrazin würde „Almanya“ Verharmlosung von Integrationsproblemen vorwerfen –, steckt dahinter wieder die alte, in Deutschland besonders beliebte These, dass Kunst wehtun muss. Demnach wäre „Moby Dick“ ein schlechtes Buch, viel zu spannend. Welchen Schaden die These „Kunst muss wehtun“ anrichtet, sieht man jeden Tag bei der Berlinale. Wenn das Publikum scharenweise aus dem Kino flüchtet, denken manche Regisseure, dies sei der Beweis dafür, dass sie große Künstler sind.

Manchmal tut Kunst weh, und muss es, manchmal nicht. Es gibt da keine Regel.

Kritik in Kürze, zwei: Der Werner-Herzog-Film über Höhlenmalerei, interessant und lehrreich. Aber 3-D nervt allmählich.

Peter Alexander ist tot. Er war ein ganz Großer, schreiben alle. Was wäre gewesen, wenn kurz vor der Berlinale nicht der Filmproduzent Bernd Eichinger gestorben wäre, sondern der Schauspieler und Regisseur Til Schweiger? Dann würde eine Til-Schweiger-Retrospektive laufen, sie würden den Til-Schweiger- Preis für junge Filmemacher verleihen, und im Feuilleton würde sinngemäß stehen: „Schweiger lebte das Kino. Til Schweiger, ein Magier des Unterhaltungsfilms. Der letzte Titan.“ Zu Eichingers Lebzeiten war Eichinger bei den Kritikern nämlich etwa ebenso beliebt wie heute Til Schweiger. Konsensfilme am Fließband. Deshalb mein Rat an alle Filmschaffenden, die in diesen Tagen, zu Recht oder zu Unrecht, verrissen oder unfreundlich behandelt werden: Stellt euch einfach vor, ihr seid tot. Alle werden euch lieben. Alle werden euch vermissen. Ich stelle mir das jeden Tag vor.

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