Martensteins Berlinale (7) : Geschwätzige Katzen mit Kettensäge töten

In diesem Jahr sterben in den Filmen auf der Berlinale ungewöhnlich viele Kinder und Tiere. Vielleicht gibt es da auch schon eine Quote. Wer stattdessen Lebensfreude inhalieren möchte, ist in "The Big Eden" gut aufgehoben.

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Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein bei der Berlinale.
Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein bei der Berlinale.Foto: Thilo Rückeis

Eine Kollegin schrieb mir, dass ihr zehnjähriger Sohn in diesem Jahr drei Kinderfilme im Festival gesehen hat. In allen drei Filmen hätten die Kinder Selbstmord begangen. Sie findet das ein bisschen eintönig und vorhersehbar. Kann das Kind denn nicht mal einen Mord begehen, rechtsradikal werden, die Mutter vergewaltigen, die Stadt niederbrennen oder Nachbars Katze mit der Kettensäge zerfetzen? Die Welt ist doch so bunt, Kinder haben so viel Fantasie. Außerdem sprach mich eine ältere Dame an, sie war über einen dänischen Kinderfilm empört, in dem die Kinder sexuell missbraucht werden. Sie begehen aber keinen Selbstmord! Offenbar wird das Kinderfilmfest gegen Ende dann doch ein bisschen sonniger.

„The Future“ war der erste Film meines Lebens, in dem die Erzählerin eine Katze ist. Sie wird aber am Ende eingeschläfert – zu Recht heben Kollegen hervor, dass in diesem Jahr nicht nur ungewöhnlich viele Kinder sterben, sondern auch viele Tiere. Vielleicht gibt es da auch schon eine Quote. 30 Prozent aller Tiere und Kinder müssen umgebracht werden. Eigentlich ist die Erzählerin also eine tote Katze, was das Projekt der Autorenfilmerin Miranda July künstlerisch noch ehrgeiziger macht. Miranda July hat blaue Augen, nun, das steht in jeder Kritik. Außerdem gibt es ein lebendes T-Shirt, das Miranda July immer hinterherkriecht, und ein Kind, das im Garten ein Loch gräbt, um sich darin umzubringen. Der Film läuft erstaunlicherweise im Wettbewerb statt im Kinderfest, er ist nicht übel. Ich glaube, Filme, in denen blauäugige Frauen geschwätzige Katzen töten, mag ich.

Wer Lebensfreude inhalieren möchte, ist in „The Big Eden“ gut aufgehoben. Zur Premiere waren fünf oder sechs der sieben Kinder des 81-jährigen Playboys Rolf Eden gekommen. Sie lieben ihn. Es ist auch völlig unmöglich, Rolf Eden nach diesem Film unsympathisch zu finden, egal, wie man seine Lebensweise beurteilt. Er gibt einfach alles zu – jawohl, er ist Exhibitionist, sexsüchtig und geldgeil, aber, ausgehend von diesen unantastbaren Prämissen seines Lebens, ist er freundlich, großzügig und ehrlich zu allen Menschen. Falls es einen Himmel gibt, dann wird sich dort sicher ein Plätzchen für Rolf Eden finden.

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