Martensteins Berlinale (8) : Müssen Opfer immer gute Menschen sein?

Die Juden sind in den Nazi-Comedys meistens die etwas langweiligeren Rollen, immer wahnsinnig gut und gütig. Und Bayern scheint das Nordkorea Europas zu sein.

Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein bei der Berlinale.
Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein bei der Berlinale.Foto: Thilo Rückeis

Führer befiehl, wir lachen. Pointen müssen rollen für den Sieg. Unsere Mauern brechen – unser Zwerchfell nie. An dem Genre der Nazi-Comedy stört mich nur ein bisschen das vorhersehbare Ende, als gebildeter Mensch weiß man halt, wer den Krieg gewinnt. Aber wer schöne Uniformen, alte Mercedes-Cabrios und Schäferhunde mag, der fühlt sich in „Mein bester Feind“ bestimmt wohl. Moritz Bleibtreu hat kürzlich Goebbels gespielt, diesmal darf er einer von den Juden sein. Die Juden sind in den Nazi-Comedys meistens die etwas langweiligeren Rollen, weil sie immer wahnsinnig gut und gütig sein müssen. Müssen Opfer immer gute Menschen sein? Die Nazis haben doch bei ihren Opfern, so weit ich weiß, vor der Verhaftung keine Charaktertests durchgeführt.

Warum nicht mal Moritz Bleibtreu als Sophie Scholl? Das ist ein toller Schauspieler. Aber dass er nach drei Jahren im KZ kein einziges Kilo abgenommen hat und sogar noch seine Frisur perfekt sitzt, das ist irgendwie Wasser auf die Mühlen der Rechtsradikalen.

Dann ging ich zur bayerischen Landesvertretung, irgendein filmpolitischer Event mit Weißbier und Brezn. Im Foyer lagen bergeweise Prospekte. Wenn man sie aufschlägt, sieht man als erstes das Bild einer Dame mit dreifacher Perlenkette, es ist Emilia Müller, Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, ihr Grußwort beginnt stilsicher mit den Worten „Grüß Gott!“ Wenn man umblättert, sieht man ein Foto mit der Bildunterschrift „Staatsministerin Emilia Müller im Bundesrat“, sowie ein zweites Foto mit der Bildzeile „Horst Seehofer und Emilia Müller im Bundesrat“, zwischen beiden Fotos befindet sich ein Text mit der Überschrift: „Staatsministerin Emilia Müller – Bayerns Vertreterin in Berlin“. Ich blätterte nochmals um. Der interessierte Bürger gelangt nun zu einem Foto, unter dem steht: „Emilia Müller bei einem Pressegespräch“. Presse sieht man allerdings nicht, lediglich Emilia Müller, umringt von Mikrofonen und frisch frisiert. Das Foto daneben zeigt eine Dame mit Perlenkette, umringt von drei Herren, die aufmerksam ihren Worten lauschen, darunter: „Emilia Müller im Gespräch mit Mitarbeitern.“ Wenn Berlin das New York von Europa ist, dann ist Bayern offenbar das Nordkorea.

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