Martensteins Berlinale (I) : Das schlüpfrigste Filmfest aller Zeiten

Gehen Sie nicht zur Berlinale! Wer vorher ein lebensfroher Mensch war, kommt sicher suizidgefährdet wieder hinaus - so dachte Harald Martenstein bislang über das Filmfestival. Dann hat er sich die diesjährigen Filmtitel angesehen: und die versprechen Sex, Sex, Sex.

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"Aspekte von Sexualität" im Film "Fucking Different"
"Aspekte von Sexualität" im Film "Fucking Different"Foto: Berlinale

Nach einer Berlinale untersuchen Kritiker immer die Frage, ob es bei all den Filmen eine Art roten Faden gegeben hat, ein Leitmotiv. Meiner Ansicht nach dreht es sich bei fast jeder Berlinale darum, dass die Welt ein unangenehmer Ort ist. Da will man nicht leben. Man geht als lebensfroher Mensch in die Berlinale hinein, suizidgefährdet kommt man wieder hinaus.

Diesmal ist es anders. Ich habe die Vorberichte gelesen.

In dem Film „Nymphomaniac, Vol. 1“ haben laut Ankündigung die Darsteller fast ununterbrochen Sex, 145 Minuten lang. Es geht um eine Sexsüchtige. Was kommt in Teil 2? Schlafen sie sich da aus? „She’s lost Control“ handelt von den „ungewöhnlichen Praktiken einer Sextherapeutin“. Die Inhaltsangabe von „Top Girl“: Julia Hummer als Edelprostituierte. Der Film „Everything that rises must converge“ schildert den Alltag von Pornodarstellern, im Splitscreen. Das heißt, auf der Leinwand sind meistens oder immer mehrere Alltage gleichzeitig zu sehen. „Fucking Different“ zeigt, laut Programmheft, „Aspekte von Sexualität“.

Dass sie den Inhalt nicht näher beschreiben, hat vielleicht rechtliche Gründe. „Another World“ wird so angekündigt: „Unfuck the World!“. In „Vulva 3.0“ geht es um Intimchirurgie. Das Programm verspricht „eine unaufgeregte Analyse über die Wahrnehmung der Vulva heute“. Unaufgeregte Analysen finde ich sowieso besser als aufgeregte. In „Ye“ lässt sich „ein selbstverliebter Stricher von einer jungen Prostituierten umwerben“, und zwar „sinnlich“, „sprachlos“ und „bildgewaltig“. Diese Art von sexistischer Werbung soll in Kreuzberg übrigens verboten werden. In „Berlinale goes Kiez“ können sie das nächstes Jahr nicht mehr zeigen.

Ich könnte ewig weitermachen. Darüber, was diese Filme mit den Zuschauern machen und wie man sich hinterher fühlt, will ich unaufgeregt, sinnlich und bildgewaltig berichten. Wer aber einen wirklich total unaufgeregten Berlinalefilm des eher traditionellen Typs sehen möchte, sei an „Xi You“ verwiesen. Inhalt: „Ein buddhistischer Mönch bewegt sich extrem langsam durch Marseille“.

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