Martensteins Kolumne : Der Fall Polanski: Wie im schlechten Film

Roman Polanski wird keine Kleinigkeit vorgeworfen. Harald Martenstein wundert sich über die Solidaritätsadressen aus der internationalen Kulturszene.

Harald Martenstein
Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Ich mag Woody Allen. Neuerdings habe ich auch ein bisschen Angst vor Woody Allen. Fast die gesamte Spitze der internationalen Filmkunst, darunter auch er, hat gegen die Verhaftung des Regisseurs Roman Polanski protestiert. Polanski soll freigelassen werden. Es soll keinen Prozess gegen ihn geben.

Wollen diese Leute, dass sie und ihresgleichen über dem Gesetz stehen, wie Gott oder wie Helmut Kohl? Wollen die Regisseure eine Künstlerdiktatur, mit Bruce Willis als großem Diktator?

Der Regisseur Polanski ist einer der besten seines Faches. Es ist möglich, ein großer Künstler zu sein und trotzdem Verbrechen zu begehen, manchmal sind es überhaupt erst die Abgründe seiner Seele, in denen der Künstler seinen Stoff und seine Inspiration findet. Justitia, die Statue, trägt eine Augenbinde. Das heißt, sie soll keine Unterschiede machen zwischen reich und arm, berühmt und unberühmt.

Man kann nichts gegeneinander verrechnen. Soll man einen Politiker, der Steuern hinterzieht, laufen lassen, weil er, wie etwa Graf Lambsdorff, als Minister einen guten Job gemacht hat? Besonders irre waren in diesem Zusammenhang die Einlassungen des französischen Kulturministers. Er erinnerte daran, dass Polanskis Familie von den Nazis verfolgt und zum Teil umgebracht wurde. Darf jemand, der Opfer eines Verbrechens wurde, deshalb in Zukunft selber Verbrechen begehen, kriegt man da Gutscheine? Wenn diese Logik stimmt, dann müssen wir auch die meisten jugendlichen U-Bahn-Totschläger unbehelligt lassen, viele von ihnen sind ganz sicher in erbärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und wurden misshandelt.

Polanski wird keine Kleinigkeit vorgeworfen, sondern die Vergewaltigung einer 13-Jährigen. Vor seiner Flucht hatte er erreicht, dass die Anklage nur noch „Unzucht“ hieß. Sein angebliches Opfer hat ihm verziehen, die Frau möchte diese ganze Sache heute nur noch vergessen. Ein Argument, ein einziges, aber gewichtiges, spricht für Polanskis Freilassung: die Zeit. Wie sinnvoll und wie verhältnismäßig ist es, eine solche Tat, falls sie sich beweisen lässt, nach 32 Jahren zu sühnen, an einem fast 80-Jährigen? Mehr als eine symbolische Strafe wird dabei wohl kaum herauskommen. Mag sein, dass am Ende, wie bei dem angeblichen Kinderschänder Michael Jackson, sogar ein Freispruch steht.

Aber um genau das geht es bei der Rechtsprechung eben manchmal, um Symbole, um Rituale, darum, dass eine Gesellschaft sich selbst ihrer Tabus und ihrer Werte versichert. Polanskis Filme werden durch all das nicht schlechter, viele von ihnen sind und bleiben Meisterwerke. In den USA wird inzwischen zum Boykott dieser Filme aufgerufen. Das ist dumm, genauso dumm wie der Aufruf, den Woody Allen unterzeichnet hat.

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