Martha Argerich in der Staatsoper : So viel Liebe

Die Pianistin Martha Argerich feiert ihren 75. mit einem Benefizkonzert zur Sanierung der Staatsoper. Dabei begeistert sie mit differenzierter und sensibler Dynamik.

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Martha Argerich Foto: dpa
Martha ArgerichFoto: dpa

Von Menschen, die man mag, zum Geburtstag eingeladen zu werden, das macht immer Freude. Beim Fünfundsiebzigsten von Martha Argerich dabei sein zu dürfen, ist zudem ein Privileg. Die Argentinierin wird nicht nur als bedeutendste Pianistin der Gegenwart verehrt, sondern auch als genuine Live-Künstlerin, die man nicht nur hören, sondern auch sehen will, wenn sie spielt. Weil sie jeden Konzertsaal sofort mit ihrer Energie flutet, das Publikum durch ihre intensiven Interpretationen fesselt. Und weil sie eine singuläre Erscheinung ist, die noch lange nicht nach Grande Dame aussieht, sondern weiterhin jugendlich-neugierig wirkt, ungeachtet ihrer eisgrauen Haarpracht.

Am Sonntag also hat Martha Argerich zur Feier geladen, im Freundeskreis, in die Philharmonie, die natürlich ausverkauft ist. Sie, die Jubilarin, will der Berliner Staatsoper an diesem Nachmittag ein Geschenk machen. Denn Argerichs Auftritt ist ein Benefizkonzert für die Sanierung des Hauses, die sich nun schon so lange hinzieht, dass sie bei allen, denen Klassik eher gleichgültig ist, zu echter Verbitterung geführt hat angesichts der unaufhaltsam im preußischen Sand versickernden Steuergelder.

Diejenigen aber, die sich am Sonntag durch die von einer Fahrrad-Sternfahrt lahmgelegten Stadt zum Kulturforum durchkämpfen konnten, sind Martha Argerich dankbar für ihre Unterstützung. Sturmböig brandet der Applaus schon zur Begrüßung auf, prasselnd wie der Regen, der draußen gerade niedergeht, wird er nach jedem Stück erneut klingen.

Nach "Happy Birthday" hat Beethoven das Wort

Am Anfang steht Mozarts Sonate für zwei Klaviere, für die sich Staatsopern-Maestro Daniel Barenboim an der Seite seiner Landsmännin und Freundin seit Kindertagen niederlässt. Schönste Harmonie herrscht zwischen den beiden in den quecksilbrig-vitalen Ecksätzen wie auch im idyllischen Andante, das ihnen zum wortlosen Gesangsduett wird. Wobei er mehr auf Effekte setzt, auch mal mit hörbarem Fußstampfen, während sie einen Hauch sensibler wirkt, differenzierter in der Dynamik.

Anschließend wechselt Barenboim aufs Dirigentenpult – und stimmt mit der Staatskapelle überraschend ein instrumentales „Happy Birthday“ an, in das die nur kurz verdatterte Pianistin alsbald mit beiden Händen einstimmt. Was wiederum die Zuhörer zu erneutem Jubel und stehenden Ovationen animiert. Dann aber hat Ludwig van Beethoven das Wort. Die ersten beiden Klavierkonzerte spendiert Martha Argerich zugunsten der Lindenoper und mutet sich damit ein solistisches Marathonprogramm zu, wie man es sonst nur vom herkulisch veranlagten Hausherrn kennt. Kraftvoll ist Argerichs Anschlag, aber nie unangemessen metallisch. Wie so oft bei ihren Interpretationen stellt sich dieses Gefühl des Es-Kann-gar-Nicht-Anders-Sein ein. En passant macht sie auch noch klar, warum die Franzosen, deren revolutionärem Freiheitsdrang sich Beethoven in den 1790ern sehr verbunden fühlte, das Zeitalter der Aufklärung „siècle des lumières“ nennen: Jahrhundert des Lichts. In hellster, deutlichster Klarheit erstrahlen unter ihren Fingern die Schönheit wie auch die Struktur dieser Musik.

Alle Beteiligten musizieren in einem Atem

Die Staatskapelle ist ihr dabei ein ebenbürtiger Partner. Überraschend zart geht Daniel Barenboim den Kopfsatz des C-Dur-Konzerts an, gleich einer Morgenröte, die ganz organisch und con brio, mit Schwung also, zum freundlich besonnten Tag wird. Höhepunkt dieses ereignishaften Konzertes ist aber der langsame Satz des B-Dur-Werks. Hier kann sich die Zeit verdichten, in einem Moment von größtmöglicher Intensität fast zum Stillstand kommen, weil alle Beteiligten in einem Atem musizieren, im tiefsten inneren Einverständnis.

Ob das ausdauernd umjubelte Konzert übrigens deshalb am Nachmittag stattfand, weil Martha Argerich abends noch eine private Party feiern wollte, muss Spekulation bleiben. Daniel Barenboim allerdings hätte dann keine Zeit gehabt. Er stand ab 19.30 Uhr für eine andere Verpflichtung, diesmal in Charlottenburg, im Orchestergraben des Schillertheaters, wo man ihn für eine weitere Aufführung der Neuinszenierung von Bohuslav Martinus surrealistischer Oper „Juliette“ erwartete.

Am 13. August wird Martha Argerich zusammen mit dem West-Eastern Divan Orchestra und Daniel Barenboim in der Waldbühne auftreten.

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