Martha Argerich und die Staatskapelle : Groll over

Der Komponist hätte seine Freude gehabt: Die Starpianistin Martha Argerich spielt mit Daniel Barenboim und der Staatskapelle Beethovens 2. Klavierkonzert.

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Pianistin Martha Argerich
Massieren der Tasten: Pianistin Martha Argerich.Foto: Ralf Kettner

Hat man je erlebt, dass Daniel Barenboim sich so hingebungsvoll um einen Solisten bemüht wie um Martha Argerich? Den Hof machen ist schon der passende Ausdruck dafür, schließlich gibt sich die Königin des Klaviers in der Philharmonie die Ehre, eine temperamentvolle wie launische Herrscherin, von der immerzu erwartet wird, dass sie ihr Publikum vor Staunen stumm macht. Natürlich gelingt ihr das, allein schon durch die ruppige Grandezza, mit der sich die Argerich auf den Hocker fallen lässt und ihr Taschentuch in den Flügel pfeffert. Beethovens 2. Klavierkonzert, das eigentlich als erstes entstanden ist, liegt auf den Pulten der Staatskapelle, eine noch ganz von Mozart erfüllte Erkundung des Genres.

Auf Solistenglanz ist das Werk nicht poliert, vielmehr geht vom Klavier die experimentelle, auch subversive Energie aus. Das ist Argerich ein Fest: Auch wenn sie die Kadenz im ersten Satz durch aberwitziges Verhaspeln führt, wahrt die Solistin stets etwas Widerständiges gegenüber dem weit ausschwingenden Spiel der Staatskapelle. Spannung als Wesenszug, der auf das träumende Adagio des zweiten Satzes unbedingt sofort das angriffslustige „Kuckuck-Motiv“ des Schlusssatzes folgen lässt. Beethoven hätte daran ebenso seine Freude gehabt wie die Zuhörer heute. Zugaben spielen Argerich und Barenboim gerne zusammen, diesmal jedoch nimmt der Maestro im Orchester Platz, während Argerich einen Splitter Scarlatti-Sonate in die Tasten massiert, ein unstetes, furioses Grollen.

Royal geht es auch nach Argerichs Abgang zu, denn Barenboim bleibt seiner Zuneigung für Edward Elgar treu. Dessen 1908 uraufgeführte 1. Symphonie wird von einem hymnischen Thema durchzogen, wie es wohl nur aus den Wiesen und Wäldern Britanniens aufsteigen kann: entrückte Größe, gerührte Gegenwart. Viele Hebel werden dafür im Laufe einer lauten Stunde in Bewegung gesetzt. Barenboim nimmt es mit der Erzeugung von Pathos etwa im Adagio beinahe zu ernst – und Elgars Instrumentationskunst nicht leicht genug.

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