Kultur : Marthalers Porno

Alfred Schlienger

Die Schweizer Bankenmetropole feiert das kürzlich verliehene Ranking, weltweit die Stadt mit der höchsten Lebensqualität zu sein. Was kann, was soll Theater ausrichten gegen einen so posensicheren, so gut synchronisierten Werbespot?

In Thomas Hürlimanns neuestem Stück ist das Leben keine Party, sondern ein Synchronstudio. Nichts ist neu, alles schon dagewesen, wir können nur nachplappern. Hauptplapperer sind das Paar Sibylle (Bibiana Beglau) und Alfred Frunz (Robert Hunger-Bühler); sie Schauspielerin auf dem Sprung an die Wiener Burg, er Komödiendichter in der Dauerschreibkrise. In 25 Splitterszenen schleust Hürlimann sie durch ein Dasein, in dem alles ganz unausweichlich aus den Fugen ist, Zeit und Raum, Beziehung und Identität. Und wie um das Schablonenprinzip auch am eigenen Material zu demonstrieren, erkennt sich das Ehepaar - face to face - bereits im ersten Bild nicht.

Die Figur des Frunz ist ein Wiedergänger aus dem früheren Stück "Der letzte Gast". Wenn man denn in "Synchron" überhaupt noch von Figuren sprechen will. Denn fast das gesamte Sprachmaterial wird in diesen - notwendigerweise misslingenden - Synchronisierungsversuchen zwischen Menschen durch verschiedene Münder gespült. Was A sagt, kann genauso gut B sagen. Der wirkliche Terror, sagt fast jeder einmal, ist die Wiederholung. Dass in diesem Tonstudio ausschliesslich Pornofilme synchronisiert werden, treibt die allgemeine Entfremdung und den Verlust jeder Privatheit nur noch auf die Spitze. Einsam ist der Mensch, hilflos und geil. Der Hürlimann-Text atmet mehr komische Melancholie als wilde Verzweiflung. Das ist ein gefundenes Fressen für Christoph Marthaler, der damit erstmals ein Stück aus der Feder eines lebenden Autors zur Uraufführung bringt.

Anna Viebrock hat ihm dafür das angemessen schäbige Tonstudio auf die Bühne gestellt, in dem wie gewohnt in schöner Unregelmässigkeit die Akustikplatten von den Wänden fallen. Natürlich lässt er sein Un-Paar Sibylle und Frunz ganz antinaturalistisch agieren, elegisch im Ton, skurril in der Bewegung, und vergisst dabei keine der Begleitfiguren. Meier-Quassi (Ueli Jäggi) war mal als Schauspieler "der Abgott der Abonnenten" und ist inzwischen als Geräuschemacher im Pornostudio gelandet. Wenn der spindeldürre Alte und die junge, füllige Elfi Glanz (Bettina Stucky) die koitalen Ekstasen orchestrieren, dann tun sie das zur allgemeinen Erheiterung mit Bettflasche und Vakuumstöpsel, wie man ihn zur Deblockierung verstopfter Toiletten benutzt.

Hürlimann packt viel hinein in seinen Wortschablonenteppich. Die witzelnden Verweise auf Heidegger, Kierkegaard und Wittgenstein bleiben ein koketter Flirt. Die mythologische Schiene von den Gebrüdern Grimm bis zu Ovid und dem blinden Teiresias wirkt etwas angestrengt. Auch Marthaler braucht seine Zeit, um die disparaten Teile zusammenzufügen. Wenig Zeit bleibt noch bis zum 2. Juni. Dann müssen die Zürcher Bürger über eine Krediterhöhung für das Schauspielhaus abstimmen, gegen die der "Bund der Steuerzahler" Sturm läuft. Fällt der Entscheid gegen das Schauspielhaus, könnte dies das Ende der eben erst begonnenen Ära Marthaler in Zürich bedeuten. Unglaublich!

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