Martin-Gropius-Bau : Daseinsdurst

Villa-Massimo-Stipendiaten sind zu Besuch im Martin-Gropius-Bau und stellen ihre Arbeiten vor.

Kolja Reichert

Die deutsche Literatur, sagte der Schriftsteller Navid Kermani im Martin-Gropius-Bau, wo die letzten Stipendiaten der Villa Massimo ihre Arbeiten vorstellen, habe immer zwei Sehnsuchtsorte gehabt: Athen und Rom. Während Athen die Philosophen und Poeten angeregt habe, halte die Ewige Stadt einen klein. Reisende kennen das: ein Gefühl von Schuld gegenüber einer Metropole, die einen mit kulturellem Reichtum erdrückt.

Ein Stipendiatenjahr bei der Deutschen Akademie Rom kann eine harte Prüfung sein. Rolf Dieter Brinkmann rettete sich 1972 mit 450 Seiten Hass auf das abendländische Kulturgehabe, posthum als „Rom, Blicke“ erschienen. Kermani wählte 2008 den entgegengesetzten Weg, saß Stunden in Kirchen herum, verfolgte die Messen, studierte die Kunst. Seine Texte zu Caravaggio-Gemälden, die später am Abend von der Schauspielerin Anja Lais vorgetragen werden, wirken in ihrer beflissen-professoralen Ehrfurcht hilflos. „Genau das macht ein Wunder aus“, heißt es über die „Berufung des Heiligen Matthäus“: „dass man es nicht erwartet, ja, nicht einmal daran gedacht hätte.“

Nicht erwartet hatte wohl der italienische Botschafter Antonio Puri Purini, was ihm in den Eröffnungsreden um die Ohren gehauen wurde. Erst eine Bundeskanzlerin, die sich wünschte, dass Purini die von Stipendiaten gebauten Energiesparhäuser als Beispiel, „was man in Italien noch machen kann außer Kunst und Kultur (sic!), auf produktive Weise in die italienische Regierung einbringt“. Und dann ein Kermani, der, nun doch Rebell, zum Frontalangriff auf das System Berlusconi ausholte. Das Schweigen Europas angesichts von Medienmonopol, Kulturkahlschlag, Amnestiegesetzen und Ausländerhetze sei ein Skandal. Nach den Kopenhagener Kriterien müsse Italien aus der EU ausgeschlossen werden. „Schaut man sich den Umgang mit Flüchtlingen an, müsste aber heute im Grunde die ganze EU aus der EU geworfen werden.“ Verdienter Beifall im Lichthof.

Von dort schwärmten Würdenträger, Künstler und Kulturschaffende bald in die umliegenden Räume. Etwa zur betörenden Aufführung von Stephan Winklers Stück „Vom Durst nach Dasein“ durch das Ensemble Modern, ein schnittreicher Ritt durch Melodien osteuropäischer Volksweisen und Tonexperimente an der Bratsche. BE-Schauspieler Manfred Karge las sehr eindrucksvoll aus Thorsten Beckers kommendem Drittes-Reich-Roman „Das Ewige Haus“. Felix Schramm zeigte Skulpturen, etwa einen zerfledderten Schweinekopf-Gipsabdruck, in den Boden gefahren wie ein abgestürzter Drache. Das war ein harter Kontrast zur melancholischen Fotoserie von David Zink Yis, der das Haus einer Witwe porträtiert.

Am frischesten trumpfte Akademiedirektor Joachim Blüher mit Plänen auf. Vier deutsche Künstler, darunter Ex-Stipendiat Carsten Nicolai, der den Abend mit einem DJ-Set beschloss, werden sich in Olevano mit einem Kirchenneubau verewigen. Kolja Reichert

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