Martin Kippenberger : Die Kunst der Deutschen in New York

Späte Ankunft im Olymp: Das New Yorker Museum of Modern Art widmet Martin Kippenberger eine große Retrospektive.

Nicola Kuhn
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Selbstporträt eines Dandys in Manhattan. Gemälde aus der Serie „Lieber Maler, male mir“ aus dem Jahr 1981. Foto: Bernhard Schaub/...

Eine Ausstellung im Museum of Modern Art in New York, das ist wie die Aufnahme in den Olymp. Wer es hierhin geschafft hat, der ist ein gemachter Künstler, eine geachtete Künstlerin. Zwölf Jahre nach seinem viel zu frühen Tod mit gerade 44 Jahren erfährt nun auch Martin Kippenberger diese Weihen. Wieder zu spät, könnte man meinen, wie schon seine posthume Präsentation im deutschen Pavillon 2003 auf der Biennale in Venedig, die sonst nur lebenden Künstlern vorbehalten ist. Und doch kommt diese Ehrung zur rechten Zeit: für Kippenbergers Werk, das Museum of Modern Art und die Kunst „made in Germany“.

Über mehrere Jahre zogen sich die Vorbereitungen für die Retrospektive im Los Angeles Museum of Contemporary Art hin, von wo die New Yorker Show übernommen worden ist. Ein also lang erwartetes Ereignis, denn in Los Angeles hatte Kippenberger 1989/90 für ein Jahr gelebt und mit vielen wichtigen Künstlern wie Mike Kelley und Richard Prince Kontakt gepflegt. In dem Nachruf der New York Times 1997 galt er bereits als wichtigster deutscher Nachkriegskünstler seit Joseph Beuys, während sich Kritiker und Kuratoren in seiner Heimat noch immer mit ihm schwertaten. In den Vereinigten Staaten stand dieser bad boy aus Germany der Rezeption seines Werks weniger im Weg. Gerade hier stiegen viele Sammler auf ihn ein.

"Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden"

Nicht von ungefähr ist die MoMA-Ausstellung „The Problem Perspective“ nach einem gleichnamigen Kippenberger-Titel überschrieben. Nach wie vor sperrt sich seine Kunst gegen das sofortige Verstehen: die bad paintings, die scheinbar schnell zusammengehauenen Skulpturen, die frechen Zeichnungen auf Hotel-Briefpapier, der verzweifelte Humor hinter vielen Titeln. Gerade diese Universalität, die Verausgabung in alle Richtungen, ob als Lehrer, Performer, Musiker, Tänzer, Buchproduzent, schienen zu Verzettelung zu führen, hinter der die Ernsthaftigkeit seines Werks verschwand.

Doch schon die beiden Retrospektiven in der Tate Modern in London und dem K 21 in Düsseldorf vor drei Jahren räumten mit diesem Vorurteil auf. Sie zeigten den Klassenclown als Konzeptualisten, der gerade durch die manische Selbstinszenierung, die vielen provokativen Akte immer wieder das eigene Künstlerverständnis hinterfragte. Sein Ausspruch „Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden“ stand deshalb für den Titel der gerade zu Ende gegangenen Künstlermythen-Ausstellung im Hamburger Bahnhof Pate. Kippenberger ereilte das Schicksal vieler Künstler-Künstler, die erst sehr viel später, nicht zuletzt durch den Erfolg ihrer Schüler allgemeine Anerkennung finden.

Moma erneut Weihestätte deutscher Künstler

Mit der Ausstellung im Museum of Modern Art aber gilt Kippenbergers Kunst als endgültig durchgesetzt, aufgenommen in den Kanon. Für seine Freunde und Familie dürfte dies späte Genugtuung sein, denn immer wieder war der Künstler nach New York gekommen, hatte hier auf den großen Durchbruch gehofft. Auch wenn er zu Lebzeiten in den Vereinigten Staaten ungleich mehr Ausstellungen in Galerien und Museen erhielt und das MoMA schon sehr früh zahlreiche Arbeiten von ihm erwarb, so blieb der gewünschte Ruhm ihm doch verwehrt. Auf Kippenberger hatte damals niemand gewartet. Das ist nun umgekehrt. Die rasante Preissteigerung seiner Werke, die gerade in den USA in den vergangenen Jahren besonders interessiert verfolgte deutsche Kunst erfährt durch die Retrospektive eines der wichtigsten Vertreter im MoMA ihre Besiegelung. Die offizielle Bestätigung wird damit nachgereicht. Die Kritik feiert ihn nun als den deutschen Rauschenberg.

Gleichzeitig erweist sich das MoMA erneut als Weihestätte insbesondere deutscher Künstler. Hier erfuhr Jospeh Beuys seinen Ritterschlag. Hier hatte Thomas Demand, der im Herbst endlich auch in Deutschland, in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gewürdigt wird, vor vier Jahren seine fulminante Retrospektive. Erst vergangenen Mai waren im MoMA die Fotografien von Bernd und Hilla Becher zu sehen. Hierhin wurde Gerhard Richters Stammheim-Zyklus verkauft, der nach Meinung vieler niemals das Museum für Moderne Kunst Frankfurt hätte verlassen dürfen.

Nur der eigene Idealismus zählt

Die Vereinigten Staaten und deutsche Kunst, das ist seit vielen Jahrzehnten eine enge Liaison, angefangen mit der Emigration vieler jüdischer Sammler und Künstler. Gerade das Los Angeles  Museum of Contemporary Art , an dem die Kippenberger-Tournee begann, leistet für die Expressionismusforschung und Recherche „entarteter“ Kunst wichtige Arbeit. Konsequenterweise widmet sich die Folgeausstellung nach der Kippenberger-Show der Kunst im geteilten Deutschland, die dann im Herbst im Deutschen Historischen Museum zu sehen sein wird. Anselm Kiefer, Georg Baselitz, Gerhard Richter waren seit jeher in den Vereinigten Staaten stark gefragt. Der Erfolg der Neuen Leipziger Schule begann zunächst auf dieser Seite des Atlantiks, als US-Sammler zum Shoppen in die Ateliers von Neo Rauch und seiner Schüler eingeflogen kamen.

Deutsche Kunst, das bedeutet in den USA vielfach in erster Linie figurative Malerei, Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Prompt gilt das ironischer Kippenberger-Bild „Ich kann beim besten Willen darin kein Hakenkreuz entdecken“ als ein Meisterstück des späten 20. Jahrhunderts. Doch was noch mehr zählt: dass Kippenberger immer schon zu wissen schien, wie brüchig Ideologien und Hierarchien sind, dass Stile und Techniken austauschbare Mittel sind und nur der eigene Idealismus zählt. Diese Botschaft kommt gerade in New York sehr gut an.

Museum of Modern Art, New York, bis 11. Mai.

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