Martin Mosebach und "Mogador" : Abtauchen in die Anderswelt

In seinem Roman „Mogador“ lässt Martin Mosebach einen Investmentbanker Zuflucht an der marokkanischen Atlantikküste suchen.

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Voller Durchblick. Szene aus der Hafenstadt Essaouira, dem einstigen Mogador.
Voller Durchblick. Szene aus der Hafenstadt Essaouira, dem einstigen Mogador.Foto: Lucy Nicholson/Reuters

Martin Mosebach ist ein Schriftsteller, der Welten miteinander konfrontiert. In seinem letzten Roman „Das Blutbuchenfest“ wurde zwischen einer Frankfurter Gartenparty und dem in Gewalt versinkenden Bosnien der frühen neunziger Jahre hin- und hergeschaltet. In dem mit dem Doderer-Preis ausgezeichneten Roman „Die Türkin“ reiste der Ich-Erzähler auf den Spuren einer schönen Wäschereiangestellten in mythische lykische Landschaften am Taurusgebirge. Türkische, arabische, nordafrikanische Szenerien inspirieren diesen Autor seit Langem.

Auch Mosebachs neuer Roman bricht auf in eine Anderswelt und ist gewissermaßen gegen die Fluchtrichtung geschrieben. Ein junger, erfolgreicher Investmentbanker gibt Fersengeld. Patrick Elff lässt seine Karriere als Abteilungsleiter im Stich, verschwindet nach einem unbequemen Verhör aus einem Fenster des Düsseldorfer Polizeipräsidiums, nimmt ein Flugzeug nach Casablanca und von dort einen Überlandbus nach Mogador an der marokkanischen Atlantikküste. Dort taucht er erst einmal unter. Buchstäblich, denn das erste Kapitel versetzt den Leser, ohne dass er das Geschehen schon einzuordnen wüsste, in ein orientalisches Dampfbad, schildert die Wassergüsse, Bürstenbehandlungen und Reinigungsprozeduren, mit denen sich Elff von den Strapazen der Flucht erholt.

Dreizehn Millionen Euro sind in seiner Abteilung auf dem Weg undurchsichtiger Umbuchungen verschwunden. Einer seiner Untergebenen, ein älterer Herr und gemobbter Kauz namens Doktor Filter, hat sich als raffinierter Konstrukteur von Scheinfirmen erwiesen. Nach seinem Selbstmord droht die Sache aufzufliegen. Und dann ist da noch ein ominöser Großkunde, Monsieur Pereira, ein weltweit agierender Geschäftsmann und Macht-Greis mit gefärbter Löwenmähne. Bei teuersten Weinen hat er Patrick Elff orientalische Lebensweisheit spendiert: „Vieles behindert und schwächt die Korruption, vieles hinwiederum macht sie allein möglich ... Nicht die Korruption, nein, die Bürokratie ist die Geißel des Orients. Die Korruption öffnet den Klammergriff des Bürokraten, der jede Lebensregung erstickt.“

Diesem Philosophen der Korruption hat Elff ein Millionen-Schmiergeld für einen Ukraine-Deal zur Verfügung gestellt. Das ist ein weiterer Grund für seine panische Flucht. Er ist liiert mit Pilar, einer Millionenerbin und Immobilienmaklerin. Sie bilden ein stilvolles, kluges, erfolgreiches Paar, ganz dem urbanen Lebensgenuss verschrieben. Aber untergründig ging es Elff womöglich auch darum, diese allzu perfekt designte Lebensgemeinschaft zu zerstören („kein Ehetran und Ehemuff waren zugelassen, nur Freiheit und Leichtigkeit“) und „Rache“ an Pilar zu nehmen, endlich einmal ihre souveräne Ironie aufzubrechen, die sich ihrem uneinholbaren finanziellen Vorsprung verdankt.

Dämonen und Wunderkräfte

Nun verliert er sich in der ebenso faszinierenden wie irritierenden Fremde Marokkos, wo Armut und archaische Riten den Alltag prägen. Es ist eine bildungsferne Welt (etwa fünfzig Prozent der Marokkaner sind noch heute Analphabeten), in der der Glauben an die „Dschunats“, die Dämonen, handlungsleitend ist. Ein uralter Imam, ein eingetrocknetes, wisperndes Wesen, dem wie zum Beweis seiner Wunderkräfte mit neunzig Jahren noch einmal Zähnchen in der entfleischten Mundhöhle gewachsen sind, wird als Orakel in Anspruch genommen – und das Mysteriöse, Märchenhafte mischt sich mit dem geschäftstüchtigen Hokuspokus, den die resolute Khadija, die weibliche Hauptfigur, trefflich zu verwalten versteht.

Ihre Vorgeschichte ist ein Roman im Roman. Khadija ist durch viele Leiden gegangen, in einer tief patriarchalen Gesellschaft, in der die Männer jedoch vielfach auf der Strecke bleiben. Oder auf dem Meer, wie ihr Vater und ihre beiden Ehemänner. Mogador ist die Stadt der ertrunkenen Sardinenfischer. Khadija kommt indes zu Wohlstand, indem sie selbst zu fischen beginnt: nach den Männern und ihrem Geld. Prostitution, Geldverleih, Zimmervermietung, Weissagungen, Lebensberatung – sie betreibt diverse Gewerbe und erfreut sich dabei bester Kontakte zu den Behörden und zur Polizei. So wird sie zur „heimlichen Königin des Ortes“, und so bekommt auch Patrick Elff unausweichlich mit ihr zu tun.

Zum einen ist dies ein – im besten Sinn – konservativ erzählter Roman. Mosebachs gepflegter Stil, durchsetzt mit kulturkritischen Räsonnements, trägt zu diesem Eindruck bei, ebenso einige Charaktere, die aus früheren Jahrzehnten der Bundesrepublik zu kommen scheinen wie der Selbstmörder Doktor Filter. Und dann die auffallenden Wortvermeidungen: Handys werden regelmäßig als „Telephone“ bezeichnet, mit einem „ph“ aus dem Wählscheibenzeitalter; und der Hauptschauplatz heißt seit der marokkanischen Unabhängigkeit, also seit nunmehr sechzig Jahren, eigentlich Essaouira, was allerdings längst nicht so dunkel-poetisch klingt wie „Mogador“.

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