Martin Roth über David Bowie : "Bowie war für uns alle da"

2013 hat das Victoria & Albert Museum David Bowie erstmals mit einer Ausstellung gewürdigt. Direktor Martin Roth zeigt sich bestürzt über Bowies Tod und erinnert sich an den Riesenerfolg der Schau.

Von Dresden nach London. Als Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erhielt Martin Roth 2010 seine Berufung an das Victoria & Albert-Museum in London.
Von Dresden nach London. Als Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erhielt Martin Roth 2010 seine Berufung an...Foto: picture alliance / dpa

Herr Roth, wie kam es dazu, einem Popkünstler wie David Bowie eine Museumsausstellung zu widmen?

Das Victoria & Albert-Museum hat ein Theater- und Performance-Department, das von vielen Leuten geschätzt wird. Das ist manchmal für uns selbst überraschend. Zum Beispiel gibt es eine enge Zusammenarbeit mit Annie Lennox. Nach der David Bowie-Ausstellung haben mich viele angerufen und wollten ebenfalls eine Ausstellung haben. An Bowie hatten wir schon lange Interesse. Zunächst wollten wir nur vier  Projektionen von vier verschiedenen Konzerten an einer Kuppel zeigen. Daraus entstand immer mehr, schließlich eine Ausstellung, die immer größer wurde.

Am Ende hat Ihnen David Bowie sogar sein Archiv in New York geöffnet.

Das war ein Glücksfall. Es gab eine enge Kooperation. Wenn man mit einem lebenden Künstler zusammenarbeitet, wie zum Beispiel Baselitz, ist das nicht immer einfach. Bowie aber wollte sich nicht einmischen.

Insgesamt kamen 300 000 Besucher. Haben Sie mit einer solchen Resonanz gerechnet?

Der Wahnsinnserfolg war nicht geplant, genauso wie danach bei dem Designer Alexander McQueen, in dessen Ausstellung sogar 500 000 Besucher kamen. Da waren wir aber beim Einlass besser vorbereitet. Was für uns neu war: Die ganze Welt begleitet uns, beobachtet, was wir machen. Eine ganze Community um den Globus herum ist mit uns verbunden. Das war keine Strategie, es passierte einfach.

Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Bowie ist der „Soundtrack of our Life“, nicht nur für mich als 60-Jährigen, sondern auch für Jüngere. Bowie hat es geschafft, uns alle zu verbinden – ob mich aus meinem schwäbischen Dorf, jemanden aus Südafrika oder Texas. Er war für uns alle da, das war das Besondere. Es ist nicht nur eine Frage der Generation, auch viele junge Leute kamen in die Ausstellung. Er löst so großes Interesse aus, da er gerade nicht in Sparten denkt, nicht nur Contemporary oder Fashion Design ist. Er war von allem etwas und zusammen noch viel mehr. Bowie war ein lebendiges Gesamtkunstwerk. Er hat vieles gemacht, wonach wir eine große Sehnsucht haben. Seine Botschaften haben sich nicht überlebt: „Befreit Euch alle, richtet Euch nach nichts, es kommt auf Euch letztlich an.“ Das gilt immer noch.

Was wird von Bowie für das Museum bleiben?

Das Besondere am V & A ist, dass es seit seiner Gründung 1852 vieles zur gleichen Zeit machen kann, eine Riesenbandbreite hat. Einer meiner Vorgänger sagte, das V & A sei eine riesige Handtasche. Es ist dazu da Gedanken zu provozieren und neue Ideen zu entwickeln. Uns geht es nicht darum, was auf dem Friedhof der Geschichte endet, wir revitalisieren es wieder. Für das Museum bleiben von Bowie seine Kostüme, seine Lyrics, eigentlich alles, was wir auch in der Ausstellung gezeigt haben.

Gibt es andere Popkünstler, mit denen Sie gerne eine Ausstellung machen würden?

Wir versuchen immer zeithistorische Ausstellungen zu zeigen, wie auch bei David Bowie. Deshalb wollte ich ihm persönlich auch nie begegnen, es ging mir um sein Werk, nicht seine Person. In einer unserer nächsten Ausstellungen beleuchten wir die 50er, 60er, 70er Jahre unter dem Aspekt der Revolution. Wir arbeiten also weiter in dem Bereich, ohne ausschließlich auf einen Künstler einzugehen. Ich möchte ungern das Haus der Popkünstler sein. Aber es gibt natürlich welche, die mich reizen: Pink Floyd zum Beispiel. Sie sind ein Phänomen.

Die Bowie-Ausstellung in Berlin war in Deutschland ein Novum. Glauben Sie, dass sich nun auch deutsche Museen Pop-Themen öffnen?

Die Ausstellung „Bowie in Berlin“ zeigte eine Menge Zeitgeschichte, auch wenn ich eine Darstellung seiner Drogenprobleme und seinen Flirt mit „Dictatorship“ vermisst habe. Auch als er behauptete, bisexuell zu sein, hat Bowie mit Identitäten gespielt. In England wird so etwas deutlicher thematisiert. Wann immer ich in Deutschland bin, fragt mich jemand: „Was haben Sie sich mit der Bowie-Ausstellung eigentlich gedacht? Das ist doch oberflächlich. Das gehört doch nicht ins Museum. Das ist doch bloß Entertainment.“ Erstaunlicherweise kann man in Deutschland immer noch nicht glauben, dass eine inhaltsreiche Aussage auch auf eine leichte Art und Weise zu machen ist. Dafür ist die Bowie-Ausstellung ein gutes Beispiel.

Wohin geht die Ausstellung als nächstes?

Sie ist jetzt noch in Groningen zu sehen und wird danach vermutlich nach Tokio touren. Gerade jetzt haben wir haben unendlich viele Anfragen bekommen.

Das Interview führte Nicola Kuhn.

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