Kultur : Martin Walser: Gott mit uns?

Harald Martenstein

Der Nationalsozialismus ist atheistisch. Diese Tatsache hat das Verhältnis vor allem der evangelischen Kirche zu den Nazis erstaunlich wenig belastet: Bei der Machtergreifung waren bereits 20 Prozent der Berliner Pastoren NSDAP-Mitglieder, wie eine neuere Studie nachweist. Auf den meisten großen Kirchen wurde zur Feier von Hitlers Machtergreifung die Hakenkreuzfahne gehisst, und zwar freiwillig.

Deswegen muss man skeptisch sein, wenn jetzt Salomon Korn die Widerstandskraft des Christentums gegen ein "ethnisch-völkisches Nationalverständnis" beschwört. Korn, Präsidiumsmitglied im Zentralrat der Juden, hat in seiner Rede zum 9. November den Autor Martin Walser scharf angegriffen, wegen dessen Nähe zu einer "heidnischen, naturverhafteten Ideologie". Der Walser-Streit befindet sich also in einer neue Runde, diesmal geht es um einen Text vom Oktober 1998, erschienen in der "Neuen Zürcher Zeitung". Darin schlägt Walser einen Ton an, der ein wenig an den Marquis de Sade erinnert: "Auf das" - christliche - "Liebesgebot reagiere ich wie auf alle Gebote widerstrebend. Durch solche Texte soll unsere Natur diszipliniert werden." Korn liest aus jenem Artikel Walsers Abschied von den Verbindlichkeiten der christlichen Moral heraus, einen "Rückzug des Gewissens ins Private" - mit anderen Worten: einen beliebigen, autistischen Umgang mit Gut und Böse. Korn erinnert ausdrücklich an die Nazis und bezeichnet dieses Denken als "Zündeln".

Man kann Salomon Korn nur viel Glück wünschen bei dem Versuch, herauszufinden, was Walser wirklich meint und wo er geistig steht. Gelungen ist es bisher noch keinem. Erstaunlich bei Korns Versuch wirkt die religiöse Argumentation: Bedarf es wirklich der Religion als Werte-Stifterin, um überzeugend den Nationalsozialismus oder Rassismus abzulehnen? Die Empirie der europäischen Geschichte beweist eher das Gegenteil. Da sind es meist die Gläubigen jeglicher Couleur, die den Ungläubigen Scheiterhaufen bauen. Das Feuer des Glaubens ist für unbeteiligte Passanten fast immer gefährlicher gewesen als das Eis des Skeptizismus.

Das ist leider keine akademische Frage. Zur Zeit, in der Leitkultur-Debatte, ist wieder auffällig viel von der christlich-jüdischen Kultur des Abendlandes die Rede. Unausgesprochen steht dahinter die Aussage: Die Muslime gehören nicht dazu. Es ist angeblich nicht möglich, Muslim und gleichzeitig ein guter Deutscher zu sein. Das Symbolbild für den Ausländer, den man so bei uns nicht haben will, ist die Frau mit Kopftuch. Sie soll aufhören, sich zu ihrem Gott zu bekennen, wenn sie deutsch sein will. In der christlich-abendländischen Argumentation kommt es also zu einer überraschenden Verbindung zwischen religiöser Intoleranz und dem deutschen Leitkultur-Nationalempfinden. Allerdings tarnt die religiöse Intoleranz sich geschickt als ihr Gegenteil, angeblich geht es bei der Abgrenzung zum Islam um die Rechte der Frau, um Weltläufigkeit, um Liberalität. All diese Ideen stammen in Wahrheit aus dem Fundus der Aufklärung. Es sind die Ideen von 1789, formuliert von Denkern, die eher Heiden als Christen waren. Auch die Aufklärung hat ihre Nachtseite, dennoch lautet das Zwischenergebnis der neuen Walser-Debatte: Salomon Korn tut den Heiden Unrecht. Das Erbe von 1789 muss man entschieden gegen Martin Walser verteidigen.

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