Kultur : Martyrium und Macht

Lars von Trier, Gus van Sant, Hector Babenco: neue Filme im Wettbewerb von Cannes

Jan Schulz-Ojala

Zwei Dinge, sagt der dänische Regisseur Lars von Trier, haben ihn zu seinem neuen Film „Dogville“ inspiriert. Erstens der tumbe Vorwurf amerikanischer Journalisten vor drei Jahren in Cannes, warum er seinen „Dancer in the Dark“ denn in Amerika angesiedelt habe, schließlich sei er noch nie in Amerika gewesen. Da habe er sich vorgenommen, jetzt erst recht amerikanische Filme zu drehen, am besten gleich eine ganze Trilogie. Und zweitens Brechts Lied von der Seeräuber-Jenny aus der „Dreigroschenoper“: Das habe er mal zufällig im Radio gehört und ganz und gar nicht wieder losgelassen.

Das politische Motiv, sagen wir es gleich, führt nicht weit. Nicht, weil der Regisseur sein erfundenes Rocky-Mountains-Kaff zur Zeit der Großen Depression hätte in Schweden nachbauen lassen, wie zunächst zu vermuten war; auch nicht, weil tatsächlich nur Kreidestriche und Straßennamen auf einem Hallenboden und ein paar Kulissen unter wechselndem Studiolicht von diesem Kaff zeugen; nein, „Dogville“ ist eine universelle Geschichte von des Menschen allenfalls hundwärts hinabgedimmter wölfischer Natur. Das Lied von der Seeräuber-Jenny dagegen erzählt, kaum verschlüsselt, den ganzen dreistündigen Film. „Meine Herren“, singt Jenny, „heute sehen Sie mich Gläser abwaschen, und ich mache das Bett für jeden“. Eines Abends aber, da werde ein Schiff mit acht Segeln und 50 Kanonen anlegen, singt sie, und die Mannschaft werde auf ihren Befehl alle Leute töten, „und wenn dann der Kopf fällt, sag ich: Hoppla“. Eine Rachegeschichte, immerhin. Endlich, nach „Breaking the Waves“ und „Dancer in the Dark“, darf sich eine Schmerzensheldin des großen, finsteren Dänen einmal rächen. Und so gibt Grace, die nach langem Martyrium zum Machtbewusstsein geschundene und gereifte Tochter eines Gangsterbosses, den Befehl zur Auslöschung von Dogville. Nur: Mitleiden soll man nicht, mittriumphieren ebenso wenig. Auch das hat sich Lars von Trier von Brecht abgeschaut: Seine Parabel von der zunächst scheinbar großherzigen Dorfgemeinde, die Grace zunächst vor der Polizei verbirgt, um sie alsbald sozial und sexuell zu versklaven, hat von Trier bis ins Äußerste verfremdet und ausgekühlt.

Sieben Porzellanfiguren aus dem Schaufenster der örtlichen Kramladenfrau kauft sich Grace von ihrem kargen Lohn – und wie Miniaturfigurinen auf einer schwarzen Tafel wirken auch die Personen der Geschichte, wenn die Kamera sie immer wieder aus der Draufsicht zeigt. Lauren Bacall, Jeremy Davies, Ben Gazzara und Chloe Sevigny, um nur einige große Namen zu nennen, geben diesen Hinterwäldler-Marionetten ihr Gesicht, und am Ende bleiben, für einen kurzen Showdown nur James Caan (der Papa-Boss), Paul Bettany (der dummverliebte, selbst ernannte Schriftsteller) und Nicole Kidman (Grace). Dann hat Grace ihre zynische Lebenslektion gelernt. Diese Welt sei eine bessere Welt ohne Dogville, sagt sie, und Recht hat sie. Nur: Da auch die Dogvillianer bloß von durchschnittlich menschlicher Niedertracht sind, wäre da diese Welt nicht am besten gleich ganz zu verdammen?

Neben der Spur

Brillant und kalt, unerhört präzise und unerhört nihilistisch ist dieser Film. Anders als in „Breaking the Waves“ gibt es keinerlei Erlösung im Jenseits, anders als in „Dancer in the Dark“ gibt es keine Geschworenen, die jedes Indiz einer Unschuld übersehen, weshalb man zumindest von einer besseren Welt noch träumen könnte. Nein, Lars von Triers theaterhafter Film, in neun Kapiteln am immerselben klaustrophobisch leeren Schauplatz erzählt, lässt keinerlei Hoffnung mehr gelten – warum auch, wenn die Welt selber schon die Hölle ist. Wir leben in ihr wie der blinde McKay (Ben Gazzara): Zur Ablenkung von unserer Blindheit vergnügen wir uns damit, vom Licht zu reden.

Augenblicksweise Titanenarbeit, meist strenges Exerzitium, zeitweise nur exercice de style: „Dogville“ ist, als ein Lars-von- Trier-Film, allemal ein Ereignis in Cannes. Zugleich ragt „Dogville“, auch mit seinem Rückgriff auf das in Ehren ergraute epische Theater, durchaus passend aus einem überaus merkwürdigen Jahrgang heraus. Denn was der 72-jährige Patriarch Gilles Jacob und sein vielleicht arg sanfter künstlerischer Direktor Thierry Frémeaux bislang im Wettbewerb zeigten, liegt seit dem fulminanten Fehlstart mit der Klamotte „Fanfan der Husar“ überwiegend neben der Spur.

Pupi Avatis „Il cuore altrove“ zum Beispiel, bereits seit Januar in Italien mit mäßigem Erfolg im Kino: ein allenfalls in seiner Liebesgeschichte zeitweilig Charme entwickelnder Altmänner-Kostümfilm, noch dazu mit hochkonservativer Botschaft. Der ein bisschen hässliche 35-jährige Held verliert nicht nur seine schöne blinde Zufallsgeliebte, als die durch ein Wunder wieder Sehen lernt (Merke: Eitelkeit sticht Liebe aus), sondern verzichtet sogar auf seinen Gymnasiallehrerjob, um sich vom Schürzenjägerpapa in der väterlichen Schneiderei brav die Richtige aussuchen zu lassen. Was um alles in der Welt hat ein solcher Film im Wettbewerb von Cannes verloren? Er wird doch hoffentlich nicht, wie das ganze Festival dies Jahr, als Hommage an Fellini gemeint sein?

Oder Hector Babencos brasilianisches Zweieinhalbstunden-Gefängnisdrama „Carandiru“: Das pastos erzählte romantische Knastgemälde um lauter Mörder aus Leidenschaft, deren grundgütige Binnenselbstjustiz unvermutet durch den bösen Staat via Blutbad ausgelöscht wird, erinnert schmerzhaft an den sensationell moderneren „City of God“, der es letztes Jahr in Cannes nur zu einer Sondervorführung schaffte. „Carandiru“ mag als Wiedergutmachung an Brasilien gemeint gewesen sein, im Wettbewerb wirkt der Film wie ein Offenbarungseid.

Auch Gus van Sants Highschool-Studie „Elephant“ – zwei Jungs metzeln ihre Mitschüler und Lehrer nieder – kommt allenfalls als bestürzend gedankenarmer Reflex auf Michael Moores letztes Jahr immerhin im Wettbewerb vertretenen „Bowling for Columbine“ daher. Der Film folgt einem Dutzend Schüler auf ihren nicht enden wollenden Wegen, bis sich aus deren Mitte das Killer-Duo herauskristallisiert. Bisschen Videospielen, eine Nazi-Dokumentation im Fernsehen gucken, bisschen Beethoven klimpern, schließlich zwei frei Haus gelieferte Pumpguns durchladen – und fertig ist die Motivationsarbeit fürs Jüngste Gericht. War’s das?

Nach „Elephant“, nach „Carandiru“, ja, nun auch nach „Dogville“: Vorsichtig sei eine gewisse Sehnsucht nach Filmen formuliert, die ihr Personal nach gehabter Action ausnahmsweise nicht exterminieren. Es sei denn, man verschliefe damit den letzten Trend des Kinos, den Regisseurs-Terrorismus. Aber das wäre dann wirklich sein allerletzter.

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