Kultur : "Masada": Lieber Tod als Rom

Christoph Funke

Was gebietet die Religion - am Leben zu bleiben, auch als Besiegter in einem erbarmungslosen Krieg, oder von eigener Hand zu sterben, um sich den Siegern nicht zu ergeben? Für den jüdischen Historiker Flavius Josephus war das die entscheidende Frage seiner Existenz. Umso bemerkenswerter ist es, wie er sie mit leichter Hand und flinker Zunge zu lösen versuchte. Sohn eines Priesters, hochgebildet, übernimmt Flavius Josephus im Krieg der Juden gegen die Römer 66 n. Chr. den Oberbefehl über die Provinz Galiläa, kapituliert, läuft zu den Römern über und schreibt nach der endgültigen Niederlage der Juden die Geschichte des gewaltigen Krieges auf. Der Historiker wird von den Siegern reich belohnt, seine Büste erhält in Rom einen Platz im Tempel des Vespasian. Solchen Erfolg aber hat Flavius Josephus nur dank einer gelenkigen Dialektik, indem er das Heldentum der jüdischen Kämpfer preist und deren Opfermut zugleich leidenschaftlich kritisiert. Sein siebenbändiges Geschichtswerk redet flammend für den Tod und preist zugleich das Leben unter römischer Herrschaft. Ein ethischer Seiltanz, der im Bericht über das Ende der Felsenfestung Masada kulminiert.

Nach der Zerstörung Jerusalems war Masada das letzte Bollwerk jüdischer Kämpfer im aussichtslos gewordenen Krieg. Anfang Mai 73, als die Festung bereits lichterloh brannte, beschlossen die Anführer den kollektiven Selbstmord. Alle Männer, Frauen und Kinder - Josephus schreibt: mehr als 900 - gaben sich nach strengem Ritual den Tod, um grausamer Siegerlaune und Sklaverei zu entgehen. Dies schildernd, muss Josephus das eigene Überleben rechtfertigen. Und für Ursula Voss und George Tabori werden die Kunststücke des Historikers in einer Bearbeitung seines Berichts für die Bühne zum Anlass, von heute aus über das Geschehen in Masada und im fernen jüdischen Krieg nachzudenken. Sie teilen die historische Erzählung, ergänzt mit wenigen, sparsamen Kommentaren und Zitaten (von Feuchtwanger, Celan, Beckett), auf drei Personen auf. Josephus steht zwei Frauen aus Masada gegenüber, die sich dem Gemetzel entzogen haben und zu Berichterstattern werden. Dabei wird keine Entscheidung gefällt über das Recht auf Leben oder die Pflicht zum Tode. Voss und Tabori zeigen die unauflösliche Verstrickung: Eine freie Entscheidung wird angemahnt und zugleich belastet mit einer Fülle widersprüchlicher historischer Erfahrungen. Die Bearbeiter des Josephus-Berichts haben dabei aber die Sehnsucht, wie es wohl wäre, "wenn eines schönen Tages dies aufhörte" (Beckett), dies Schlachten, dies Blutvergießen.

Am Hans-Otto-Theater Potsdam bekennt sich Sibylle Gädeke (Regie, Bühne, Kostüme) mit ihren drei Darstellern Falilou Seck (Josephus), Gertraud Kreißig (Ältere Frau) und Susann Ugé (Jüngere Frau) zu strenger, kompromissloser Nachdenklichkeit. Auf der Hinterbühne des Theaters Am Alten Markt bilden die Zuschauer auf zwei flachen Tribünen im sonst leeren Raum die Adressaten der Reden und des Berichts. Wände und Boden sind aus bedruckten Blättern gebildet, hinten, durch einen Spalt im Hintergrund werden Aktenberge sichtbar - die Lasten der Geschichte. Dröhnende akustische Signale (Claas Willeke) gliedern Erzählung, Kommentar, Rede - die Darsteller wollen ganz bewusst nicht mitreißen, nicht aufregen, sie halten Emotionen zurück. Allein Falilou Seck erlaubt sich als Josephus eine gut bedachte pathetische Steigerung. So lässt die Potsdamer Inszenierung Raum zum Mitdenken, zum Prüfen der Berichte; sie will die Zuschauer nicht überwältigen, sondern wach machen - und fähig zu eigenen Entscheidungen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben