Mascha Kaléko : Die leuchtenden Jahre

Drei schmale Bände würden von ihr bleiben, glaubte die Lyrikerin Mascha Kaléko. Es ist viel mehr – das zeigt jetzt die von Jutta Rosenkranz herausgegebene erste Gesamtausgabe der Texte und Briefe.

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Eine Galizierin in Berlin. Die Lyrikerin Mascha Kaléko vor der Akademie der Künste am Hanseatenweg, 1964.
Eine Galizierin in Berlin. Die Lyrikerin Mascha Kaléko vor der Akademie der Künste am Hanseatenweg, 1964.Foto: Barbara Schopplick

Memoiren hat sie nie geschrieben, Selbstinszenierungen waren ihr zuwider, Lebenssummen zog sie, wenn überhaupt, höchst beiläufig. Lieber eine „Kleine Zwischenbilanz“ zum Beispiel. Die erste Strophe des gleichnamigen, 1956 in der „Zeit“ erschienenen Gedichts geht so: „Was wird am Ende von mir übrig bleiben? / Drei schmale Bände und ein einzig Kind. / Der Rest, es lohnt sich kaum, es aufzuschreiben. / Was ich zu sagen hab, sag ich dem Wind.“

Das „einzig Kind“, ihr 31-jähriger Sohn Steven, starb zwölf Jahre später, es war die – nicht ahnbare – tiefste Katastrophe im Leben Mascha Kalékos. Die Reichweite des sie betreffenden literaturgeschichtlichen Radars aber hatte die Lyrikerin, wie so oft schnoddrig-melancholisch, schon damals treffend erfasst. „Drei schmale Bände“: Das sind „Das lyrische Stenogrammheft“, „Kleines Lesebuch für Große“ und „Verse für Zeitgenossen“. Die ersten beiden, herausgekommen 1933 und 1934 bei Rowohlt, waren Bestseller, das dritte Büchlein erschien 1945 in kleiner Auflage im amerikanischen Exil. In den ersten versammelte Kaléko die seit 1929 publizierten Zeitungsgedichte aus jener Lebensphase, die sie später „die paar leuchtenden Jahre“ nannte. Im dritten Buch steckt schon, als existenzielle Summe, was in den beiden anderen, meist im Stil großstädtischer Augenblicksstimmungen, bloß verspielt vorausgeahnt scheint: Vergeblichkeit, Bitterkeit, Einsamkeit.

Ist das die ganze Mascha Kaléko? Die bereits als Twen zum Star der späten Weimarer Republik aufgestiegene Stenotypistin, angestellt beim jüdischen Arbeiter-Fürsorgeamt in der Berliner Auguststraße, die nach Feierabend hinreißend frühreife, eher an Heine denn an Ringelnatz oder Tucholsky erinnernde Büromädchen-Lyrik schrieb? Ein hübsches Klischee, mehr nicht. Auch wäre Kalékos Biografie nicht allein durch ihr erstes Exil entschlüsselt, das faktisch 1935 mit dem Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer begann und 1938 mit der Flucht nach New York Realität wurde, mit Wohnsitz in Greenwich Village, Minetta Street. Fast 20 weitere Jahre nach der Veröffentlichung jener „Kleinen Zwischenbilanz“ 1956 lebte und arbeitete Kaléko im eher erlittenen späten Zuhause in Jerusalem, wo zumindest ihr Mann, Chemjo Vinaver, als Komponist chassidischer Sakralmusik ein schöpferisch günstigeres Klima vorfand.

Hier, in Jerusalem, entstanden Kalékos noch in kleinen deutschen Verlagen publizierte, heute weithin vergessene Kinder- und Tiergedichte, Epigramme und Limericks. Hier hielt sie, das moderne Hebräisch nahezu verweigernd, zäh an der deutschen Sprache als Kreativheimat fest. Nicht, dass die meisten dieser Arbeiten sich mit den früheren messen könnten – nun aber sind auch sie chronologisch gerecht erfasst: in den von Jutta Rosenkranz herausgegebenen „Sämtlichen Werken und Briefen“, der ersten, sorgfältig zusammengestellten und kundig kommentierten Mascha Kaléko-Gesamtausgabe.

Aus drei schmalen Bändchen, in denen Kaléko einst ihr Vermächtnis vermutete, sind so – mit allen bekannten Werken, dazu rund 150 bisher unveröffentlichte literarische und journalistische Texte sowie über 1400 erstmals publizierte Briefe inklusive Kommentarband – vier dicke Bücher geworden, über 4000 Seiten stark. Die umfassende Edition ist nicht nur eine Fundgrube für jene Kaléko-Fans, die bisher in verstreuten Sammelbänden vom Suchtstoff der einfachen und doch so eleganten Sprache dieser Dichterin gekostet haben. Vor allem erhellt sie bislang eher wenig beachtete Etappen einer auch politisch aufregenden Dichterinnenbiografie. So sind hier, mit „Höre, Teutschland“ und „Bittgesuch an eine Bombe“, zwei leidenschaftliche Hassgedichte auf die Nazis erstmals wieder im Kontext der 1945er Originalausgabe von „Verse für Zeitgenossen“ zu finden. 13 Jahre später fehlten sie in der von Rowohlt beträchtlich modifizierten Neuauflage des Exil-Bands. In den Briefen finden sich keine Belege für einen Widerstand Kalékos gegen diesen Eingriff; wohl ein Hinweis darauf, dass sie glaubte, nach dem Comeback 1956 mit den neu aufgelegten beliebten Vorkriegsgedichten eine Art Frieden mit Wirtschaftswunder-Deutschland gemacht zu haben. Er sollte trügerisch sein.

Tatsächlich war, Kalékos Schilderungen in den nahezu täglichen Briefen an ihren Mann geben hymnisch Zeugnis davon, 1956 zunächst ein weiteres „leuchtendes Jahr“ im Leben der Dichterin. Nach langem Zögern, ob sie je wieder Deutschland besuchen würde, verbrachte sie das ganze Jahr in ihrer alten Heimat – erst in Hamburg, verwöhnt von ihren Verlegern, dann überwiegend in Berlin. Noch einmal war sie, neu entdeckt von den Jungen und protegiert von den übrig gebliebenen Alten in den Medien, ein Star, herumgereicht zu Lesungen, Radiofeatures, Interviews. Wobei sie in diesen faszinierenden, wie in Echtzeit stenografiert scheinenden brieflichen Lebensprotokollen mal staunend, mal kritisch, oft poetisch und immer präzis auf die satten deutschen 50er Jahre blickt. Nur Berlin „kommt mir vor wie eine alte Jugendfreundin, die kaum einen Zahn im Munde hat“, schreibt sie im März 1956 an Chemjo Vinaver. „Aber manchmal geht doch ein Lächeln über diesen zahnlosen Mund, dass man die alte Freundin zu erkennen glaubt.“

In diesen ungemein frisch wirkenden Briefen der auf Zeit heimgekehrten Exilantin wimmelt es nur so von derlei ruppigen Liebeserklärungen an die Stadt – ein Berliner Ereignis nur drei Jahre später aber sollte den Nachkriegsruhm Mascha Kalékos abrupt beenden. Die Akademie der Künste hatte ihr den Fontane-Preis angetragen; Hans Egon Holthusen aber, damals Direktor der Abteilung für Dichtung, war jahrelang SS-Mitglied gewesen. Aus seiner Hand mochte sie die Ehrung nicht entgegennehmen. Kalékos Haltung wurde damals nicht öffentlich. Wohl aber dürfte ihre Prinzipienfestigkeit die Runde im Literaturbetrieb gemacht haben. Nie wieder in ihrem Leben wurde sie mit einem Preis bedacht. Auch die Verbindung zu Rowohlt kriselte bald; sie warf dem Verlag vor, zu wenig für ihre Bücher zu tun, und trennte sich.

Das waren Schmerzen, die neben privaten Schicksalsschlägen ihre letzten anderthalb Lebensjahrzehnte überschatteten und schließlich aufzehrten. So sehr sich Mascha Kalékos literarische Produktion und Rezeption seit ihrer Übersiedelung nach Jerusalem 1959 in der Peripherie verlor, so anrührend geben ihre Briefe Aufschluss über die wachsende, tapfer hingenommene Isolation, der sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1975 ausgesetzt war. Zwei Jahre zuvor entstand der berühmte titellose Vierzeiler, den Ingeborg Drewitz in der Zeitschrift „Frauen“ unterbrachte und in dem Kaléko auf ihre so zarte Weise denn doch Bilanz zog: „Mein schönstes Gedicht …? / Ich schrieb es nicht. / Aus tiefsten Tiefen stieg es. / Ich schwieg es.“

Mascha Kaléko: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. und kommentiert von Jutta Rosenkranz. dtv, München 2012. 4 Bände in Kassette, 4068 Seiten, 248 €. Broschierte Studienausgabe 78 €.

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