Kultur : Maschinen unplugged

VOLKER STRAEBEL

Bislang hatte der Kulturmensch wenig Anlaß, sich nach Oberschöneweide zu verirren.Das von Industrieanlagen und Lagerhallen geprägte Areal an der Spree erschien als geistiges Niemandsland irgendwo in der Ferne zwischen Köpenick und Treptow.Diesen Eindruck gilt es nun gründlich zu revidieren.Denn nach dem Niedergang der Elektro- und Automobilindustrie werden die leerstehenden Produktionsstätten von Kulturveranstaltern in Besitz genommen.Das "Kultur- und Technologiezentrum" machte den Anfang, nun folgen die "Reinbeckhallen" als unmittelbare Nachbarn auf dem Gelände des Transformatorenwerkes Oberspree (TRO) nach.

Deren Betreibergesellschaft, das "Kulturwerk Oberschöneweide", operiert unter dem Dach der ABM-Gruppe "KirchBauhof", die in Berlin seit Beginn der achtziger Jahre die Restaurierung und Umnutzung alter Gotteshäuser wie der Passions- und der Heilig-Kreuz-Kirche mit EU- und Bundesmitteln betreibt.In den beiden gewaltigen, rund einhundert Meter langen Reinbeckhallen war praktisch nichts zu restaurieren, hier galt es, ein Nutzungsprogramm zu entwickeln.Seit Oktober sind die Kuratoren Anne Herzberg (Film), Harry Mehner (Soziokultur) und Stefan Sikora (Musik) damit beschäftigt, und bereits im Dezember konnten sie die ersten Veranstaltungen präsentieren: Ein barockes Weihnachtskonzert mit dem Concerto Brandenburg und Freejazz von Dietmar Diesner und Sven-Åke Johansson, statt auf Darmsaiten mit virtuosem Humor.Wolfgang Staudtes "Geschichte vom kleinen Muck" sprach die jungen Cineasten der Umgebung an.

Damit ist genau die Spannweite des künftigen Programms der Reinbeckhallen beschrieben.Konzerte der Schüler- und Jugendbands des Bezirks und ab Mai "späte" Klassik-Matineen am Sonntagnachmittag wollen als lokale Kulturarbeit verstanden sein.Die allmonatlichen Clubkonzerte mit zeitgenössischer und improvisierter Musik hingegen verdienen es, in der ganzen Stadt registriert zu werden.Und die Rock-Events und Dance-Partys, die bald bis zu 1000 Besucher in die große Halle locken sollen, werden ebenfalls von der Industriearchitektur und der Lage am Wasser profitieren.

Der besonderen Akustik der Hallen wegen will Stefan Sikora übrigens in Zukunft einen Schwerpunkt auf Neue Musik ohne elektrische Verstärkung legen, ein ganzes "Unplugged-Festival" ist in Planung.Darauf darf man ebenso gespannt sein wie auf die Fortsetzung der Reihe expressionistischer Stummfilme mit neuer Live-Musik, die bereits von der Gruppe "Sandow" zu Lang und Tarkowski eingeleitet wurde.Am Sonnabend steht Murnaus klassische "Symphonie des Grauens - Nosferatu" mit Inside-Piano und Perkussion auf dem Programm.

Reinbeckhallen, Reinbeckstraße, S-Bahnhof Oberschöneweide: 27.Februar, 20 Uhr, Nosferatu (F.W.Murnau), Stummfilm mit Live-Musik von Reinhold Friedl und Michael Vorfeld

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