• Maschinistin der Moderne Eine Entdeckung: Marianne Brandts Fotomontagen im Bauhaus-Archiv Berlin

Kultur : Maschinistin der Moderne Eine Entdeckung: Marianne Brandts Fotomontagen im Bauhaus-Archiv Berlin

Bernhard Schulz

„Tempo-Tempo, Fortschritt, Kultur“, lautet der Titel der Fotocollage von Marianne Brandt aus dem Jahr 1927. Die auf dem Blatt in schwarzen, roten, weißen und schraffierten Buchstaben angeordneten Wörter bringen die Weimarer Epoche auf den Begriff. Die Zwanzigerjahre erlebten eine ungeheure Beschleunigung aller Lebensbereiche – wie eine rasende Flucht aus den tiefgehenden Verwerfungen der Gesellschaft, die der Erste Weltkrieg und die gescheiterte Revolution hinterlassen hatten. Dichter und Künstler feierten Modernität, Technik, das von gesellschaftlichen Fesseln befreite Leben.

Bezeichnenderweise steht eine Maschine im Mittelpunkt von Brandts Collage. Zu ihrer Zeit sprach man von Fotomontagen. Der Künstler verstand sich als „Monteur“, dem Maschinenbauer ähnlich. Man denkt sofort an John Heartfield, der die Fotomontage zur Massenwirkung geführt hat. Es ging nicht mehr um das einzelne Kunstwerk, wie es die Väter der Collage, die französischen Kubisten, in den Zehnerjahren geschaffen hatten, sondern um den Alltagsgebrauch in Gestalt von Reproduktionen.

Marianne Brandt, eine der herausragenden Frauen am Bauhaus, hat ihre Fotomontagen – als die sie im Folgenden bezeichnet werden – leider nie in dieser Weise benutzt. 45 Montagen sind bekannt; womöglich waren es weit mehr, die sie im Laufe weniger Jahre, besonders zwischen 1927 und 1930 fertigte. Sie hat sich später, als sie in der DDR eine Existenz am Rande führen musste, dazu nicht geäußert, auch war ein Großteil ihrer Unterlagen im Bombenhagel vom März 1945 verbrannt. Einige Arbeiten, die sie spät und zögernd über die Leipziger „Galerie am Sachsenplatz“ veräußerte, gelangten noch zu DDR-Zeiten in den Westen. Heute sind 38 Fotomontagen nachweisbar, sieben weitere in Abbildungen überliefert. 31der erstaunlich großformatigen Arbeiten sind von heute an im Berliner Bauhaus-Archiv zu bewundern, das mit dieser Ausstellung ein neues Licht auf die bekannte Bauhäuslerin wirft.

Denn bekannt ist Marianne Brandt als Metallgestalterin. Nach dem Besuch der Weimarer Bauhaus-Ausstellung von 1923, der ersten Leistungsschau der 1919 von Walter Gropius gegründeten Lehranstalt, trennte sich die 1893 in Chemnitz geborene und an der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule Weimar ausgebildete Malerin radikal von ihrem figurativen Werk: Sie verbrannte es. Dann schrieb sie sich am Bauhaus ein und begann von vorn. László Moholy-Nagy riet ihr zur Mitarbeit in der von ihm geleiteten Metallwerkstatt, und alsbald machte Brandt mit diesem Material Furore. In der ständigen Sammlung des Bauhaus-Archivs sind die berühmten, aus Silber oder vernickeltem Messing gefertigten Tee- und Kaffeekannen und Aschenbecher von 1924 zu bewundern, die sie zu einer der wirtschaftlich erfolgreichsten Produktgestalterinnen der Bauhaus-Werkstätten machten.

Die kühl-klassischen Metallarbeiten kontrastieren mit den gestalterisch so reichen Fotomontagen. Marianne Brandt hat sie wohl den Bauhäuslern gezeigt. Aber im Grunde sind es private Reflexionen einer gesellschaftspolitisch wachen Zeitgenossin. Mit der Rolle der Frau in den Zwanzigerjahren, die unter dem Schlagwort der „Neuen Frau“ gerne als Sportwagen fahrende Modellkleidträgerin verklärt wurde, hat sie sich intensiv auseinander gesetzt. Drastisch in „Mit allen zehn Fingern“ von 1930: Das Bild zeigt eine moderne Frau auf den Knien, ihre Finger an Fäden, die ein gut betuchter (Geschäfts-) Mann in Händen hält.

Die Vorlage für die Frauenfigur entnahm Brandt einem Titelblatt der „Berliner Illustrierten Zeitung“, das die rasant steigende Arbeitslosigkeit infolge der 1929 ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise thematisiert. Es gab in der Weimarer Republik eine schier unvorstellbare Fülle von Zeitungsbeilagen und Magazinen, die auf die in ihrer Blüte stehende Fotografie zurückgriffen. Aus diesen Vorlagen hat sich Marianne Brandt bedient und dabei das gängige Vokabular der Modernität durchgespielt, aber politische Folgerungen gezogen. Waffen, Soldaten, die Verbindung von männlichem Imponiergehabe, Gewalt und Krieg spielen teils unterschwellig, teils explizit eine Rolle. In der Montage „Luftschiffe und Dietrich“ von 1930 – eine ihrer letzten Arbeiten – verdichten sich ein Foto der in die USA reisenden Marlene Dietrich, Ansichten der wolkenverhüllten Hochhäuser New Yorks und zwei darüber schwebende Zeppeline in düsterem Rauch zu einer Allegorie drohenden Unheils.

Die „Tempo“-Montage war für eine Zeitschrift gedacht; nur welche? Marianne Brandt hat den Schritt zur Gebrauchsgrafikerin nicht gewagt. Doch mit den jetzt erstmals vollständig gezeigten Arbeiten tritt sie in den Kreis der großen Foto-Gestalter der Zeit, ebenbürtig neben ihren Lehrer Moholy-Nagy. Eine Entdeckung, die das Bild von der Talentschmiede Bauhaus nochmals bereichert.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstraße 14, bis 9. Januar. Katalog im Jovis-Verlag, 19,90 €, im Buchhandel geb. 29,80 €.

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