Kultur : Masken in Blau

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Rüdiger Schaper über zwei Charakterdarsteller im falschen Stück

Ja, Schiller vielleicht! Mit Friedrich Schiller wäre es besser gegangen. Bei diesem deutschen Drehbuchschreiber gab es noch richtige Duelle! Denken wir nur an die protestantische Elisabeth und die katholische Erzfeindin Maria Stuart. Oder an die Gebrüder Moor! Oder auch an Wilhelm Tell: Schwüre, Schüsse, Schweiß und Tränen. Doch diese beiden hier, der Schroiber und der Stöder, die haben am Sonntagabend vor laufenden Kameras und zig Millionen Zuschauern ihren dramatischen Dienst verweigert. So viel Kreide gibt es an deutschen Schulen gar nicht, wie die gefressen haben.

Aber zunächst einmal (wie der Kanzler seine Repliken immerzu einleitet), zunächst einmal zum Bühnenbild: blau und grauenhaft. Das Stehpult wird zum Schnarchpult. Die Moderatoren hocken wie Raumschiffkommandanten in weiter Ferne und wissen jeden Ansatz zu einem lebhafteren Gedankenaustausch im Keim zu ersticken. Der nächste „schwerwiegende Fehler“ (wie der Herausforderer seine Attacken immerzu abzuschließt) liegt in der Maske. Ersticken nicht beide Herren unter der Last von zentnerschwerem Beton-Haarspray?

Ein solches Duell hat es in der Tat noch nie gegeben. Nicht nur, dass man beiden Herren die Waffen abgenommen hatte. Sie sind während des wochenlangen Coachings offenbar auch derart mit Sedativen vollgepumpt worden, dass sie sich nur mit äußerster Beinversteifung in der Senkrechten halten können. Klarer Fall von totgeprobt!

Im Theater ist es genau umgekehrt. Wenn die bösen Kritiker auf eine Premiere losgelassen werden, dann klappt in der Regel kaum etwas. Der Licht-Computer spielt verrückt, die Kulissen wackeln, Requisiten sind plötzlich verschwunden, und die Schauspieler rennen herum, als hätten sie noch nie einen Satz von Schiller gehört. Derweil lässt sich der Regisseur in der Theaterkantine volllaufen, weil er es nicht mitansehen mag, wie seine kluge und sensible Arbeit mit Füßen getreten wird. Am Ende ist der Apfel doch abgeschossen, der Kopf der Maria Stuart liegt im Korb – und Graf Leicester, der Doppelagent, ist zu Schiff nach England...

Theater kennt das Problem des Über-Geprobtseins nicht, denn Theater ist grundsätzlich untergeprobt. Mit der Über-Inszenierung sieht es freilich anders aus. Das erleben wir auf den Bühnen dauernd. Zuviel Inszenierung, zu viel dramaturgischer Überbau – und kaum noch Platz für Schauspielerei. Und was unser Wort-Duell zum Sonntag angeht: Da sahen wir zwei namhafte Charakterdarsteller, die nur noch stur geradeaus starren, nachdem ihnen ein Heer von Regisseuren, Souffleuren, Einsagern und Beratern den letzten Schneid abgeschliffen hat. Das Pop-Theater auf der Höhe des Polit-Zirkus, oder umgekehrt: Ich mag nicht mehr, ich fühle mich so strange und leer, wie sieht eigentlich mein Zeit-Konto jetzt aus?

Nein, da hätte es nicht nur eines anderen Dramentextes, sondern eines Regisseurs der alten Schule bedurft. Sagen wir mal, Peter Zadek. Der sitzt stunden- und tagelang auf der Probe, schaut seinen Spielern zu, sagt kein Wort, höchstens mal: „Gerd, das war jetzt sehr schön“ oder „Edi, mach mal ein Angebot“. Ein Zadek verlangt von seinen Protagonisten nichts Besonderes – nur das Beste.

Wahlkampf ist heutzutage, theatertechnisch betrachtet, etwas für Außenseiter. Die heißen Schlingensief oder Möllemann oder Westerwelle, springen aus Flugzeugen und fahren mit Spaß-Mobilen durchs Land. Deswegen dürfen Freie Gruppen beim TV-Staatstheater auch nicht mitmachen: Sie wechseln ständig die Seite und pfeifen auf Spielregeln.

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