Kultur : Masken sind alles, was ich habe

Sergio Pitol ist der bedeutendste mexikanische Autor seiner Generation. Heute liest er aus seinem Roman „Defilee der Liebe“ in Berlin

Jörg Plath

Seine Romane sind reich an Leidenschaften, doch die erreichen nie ihr Ziel. In „Eheleben“ etwa, dem Roman, mit dem Sergio Pitol späte Anerkennung in Deutschland fand, misslingen der Ehefrau sämtliche Anschläge auf ihren Gatten. Nicht er büßt sein Leben ein, sondern sie nach und nach mehrere Körperglieder, bis sie im Rollstuhl sitzt, geschoben von ihrem liebevollen Ehemann. Als Kulturattaché Mexikos in Paris, Warschau, Budapest und Moskau, als Botschafter in Prag bis 1988 und als Übersetzer von Gombrowicz, Andrejewski, Bassani, Nabokov und anderen kennt sich der gerade 70 Jahre alt gewordene Mexikaner wie kein zweiter Autor seines Landes auf dem Kontinent aus.

Nun liegt mit „Defilee der Liebe“, einer gegen den Strich gebürsteten Antwort auf Ernst Lubitschs ersten Tonfilm „Love Parade“ ein zweiter Roman auf Deutsch vor. In ihm kehrt Miguel del Solar 1973 aus England, wo er Geschichte lehrt, nach Mexiko zurück, um sein Buch über das Jahr 1914, den Sieg der zapatistischen Revolution und die folgende Anarchie, abzuschließen. Das nächste Buch soll das Jahr 1942 behandeln, in dem Mexikos Rechte mit den Nationalsozialisten kungelt und zugleich europäische Emigranten ins Land strömen. Die gegensätzlichen Tendenzen scheinen sich in einem Mord zu bündeln: Ein österreichischer Exilant stirbt vor dem Haus Minerva in Mexiko-Stadt.

Nach dieser Einführung entwickelt sich der Roman zum Tollhaus. In seinem Mittelpunkt steht Delfina Uribe, die Tochter eines Revolutionärs und eine einflussreiche Galeristin, die am Abend des Mordes eine Party in ihrer Wohnung im Haus Minerva ausrichtete. Neben Generälen, Künstlern und Politikern waren Nachbarn anwesend: die jüdische Emigrantin Ida Werfel mit ihrer Tochter Emma, der Journalist Pedro Balmoran sowie Solars Tante Eduviges, die Schwester des Rechtsextremisten Arnulfo Briones. Briones tätigt geheime Geschäfte mit Hitlers Deutschland, er hat dort jedoch auch eine Jüdin geheiratet und ihr, ihrem früheren Ehemann sowie ihrem Sohn zur Emigration verholfen: Er wird bei der Party erschossen.

Die Zeugen, die Solar zu dem Vorfall befragt, widersprechen einander nicht nur, in den Polizeiakten fehlt auch jeder Hinweis auf die zwei Männer, die bei der Schießerei vor dem Haus verletzt werden: der Sohn von Delfina Uribe und Pedro Balmoran. Nein, die Zeugen sind zudem hochneurotisch. Solars paranoide Tante Eduviges etwa glaubt, Balmoran hecke Verschwörungen gegen ihre Familie aus. Dieser, damals bei der Schießerei verkrüppelt, ist einem bizarren Verfolgungswahn verfallen und verspricht, alle Welt durch die Biografie eines mexikanisch-indianischen Kastraten zu erlösen. Die greise Delfina Uribe dagegen ist in der Rolle der erfolgreichen Geschäftsfrau erstarrt.

Sergio Pitol lässt aus dem Mexiko von 1942, diesem Sumpf aus Korruption, Verbrechen und revolutionärer wie faschistischer Politik, die Neurosen von 1973 hervorgehen und einen üppig illuminierten Maskenzug paradieren. Das Haus Minerva hat keine Eulen, sondern Wahnvorstellungen in die Dämmerung entlassen. Mit seinen Hinweisen auf Hegel liest sich der Roman über ein Mexiko, das seit Jahrzehnten von einer Gruppe mit dem Namen „Partei der institutionalisierten Revolution“ regiert wird, wie eine einzige große Parodie auf die Vorstellung des Philosophen, das Gewordene sei das Vernünftige.

Schon 1942 empfahl sich übrigens Martinez, der schmierige Gehilfe des zwielichtigen Briones, als Tambourmajor für die versöhnende „Liebesparade, den Marsch der Eintracht“. Doch Martinez ist tot. So kommt es zu keinem „Defilee der Liebe“, wohl aber zu einem Tanz der Neurosen. Solar fühlt sich zusehends wie in der Verwechslungskomödie von Tirso de Milinas, in der „niemand ist, wer er zu sein vorgibt, und die Personen sich unaufhörlich aufspalten und sich die absurdesten Masken zulegen, als sei das die einzige Möglichkeit, mit den anderen auszukommen“. Ebenso im Dunkeln bleiben allerdings Person und Motive des Historikers. Pitol führt nach und nach alle Masken vor und häutet seine schillernde Romanzwiebel, bis am Ende nichts von ihr übrigbleibt – außer der Erinnerung an eine verführerische Fülle.

Sergio Pitol: Defilee der Liebe. Aus dem mexikanischen Spanisch von Petra Strien. Wagenbach Verlag. Berlin 2003. 266 S., 21,50 €. Heute um 19Uhr30 liest Sergio Pitol im Berliner Instituto Cervantes, Rosenstr. 18-19.

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