Kultur : Maskenball der Spießbürger

JÖRG UTHMANN

Ein Einzelkämpfer, der mit seinen Zeitgenossen nichts tun haben wollte: Das Werk James Ensors im Londoner Barbican-CentreVON JÖRG VON UTHMANNWährend die Royal Academy vorführt, wie man eine mit allen PR-Wassern gewaschene Ausstellung britischer Gegenwartskunst unter die Leute bringt, eröffnet das Barbican Centre still und leise die bedeutendste Ensor-Retrospektive, die England seit einem halben Jahrhundert zu sehen bekam.James Ensor ist einer der großen Außenseiter der Kunst.Die Expressionisten, die Surrealisten und andere -isten haben ihn später für sich reklamiert.Aber er war ein Einzelgänger, der mit mit keiner Schule etwas zu tun haben wollte.Selbst mit der Gruppe "Les XX", die er 1883 mit Fernand Khnopff, Théo van Rysselberghe und anderen belgischen Avangardisten gegründet hatte, lag er ständig im Streit, nur um ein Haar entging er dem Ausschluß.Daß ihm das Wandern zwischen den Welten von Kind an vertraut war, zeigt schon sein Name.Ensors Vater, ein Ingenieur, war Engländer.Beim Badeurlaub in Ostende hatte er die Erbin eines Geschäfts, das mit Scherzartikeln und Karnevalskostümen handelte, kennengelernt und geheiratet.Die Ehe war nicht glücklich.Vor der provinziellen Enge Ostendes floh Ensor senior nach Amerika, doch zwang ihn der Bürgerkrieg wieder zur Rückkehr.Auch in Ostende kam er auf keinen grünen Zweig.1875 wurde er amtlich für bankrott erklärt.Der Vater, den der heranwachsende James erlebte, war ein gebrochener Mann, der zu Hause herumsaß und sich mit Alkohol über sein Elend tröstete.Eine der frühen Radierungen des Sohnes zeigt ihm im Streit mit der Schwiegermutter, die ihn wegen seiner Trunksucht zur Rede stellt.Beide Figuren tragen Karnevalsmasken. Der Karneval und die Masken, das ganze Sortiment, das er aus dem großelterlichen Geschäft kannte, blieb für Ensor lebenslang eine unerschöpfliche Fundgrube.Anders als Pietro Longhi, dem Maler des venezianischen Karnevals, ging es ihm freilich nicht um die liebenswürdige Verklärung einer lokalen Tradition.Ensor war ein Satiriker, dessen Pinsel, Zeichenstift oder Radiernadel keinen Berufsstand seiner Heimat verschonte.Die Mediziner nahm er ebenso gnadenlos aufs Korn wie die Musiker, die Juristen ebenso wie die Politiker.Dabei schreckte er auch vor drastischen Mitteln nicht zurück: Eine Radierung aus dem Jahre 1889, als auch in Belgien der "Kulturkampf" zwischen Liberalen und Klerikalen tobte, zeigt König Leopold, wie er im trauten Verein mit Kirche und Heer sein Volk buchstäblich bescheißt.Nachdem ihm der König den Leopoldsorden verliehen hatte, kaufte Ensor alle ihm erreichbaren Abzüge auf und vernichtete sie. Ensor war ein Gegner der Kirche, doch nicht des Christentums.Die Leidensgeschichte des Heilands war ein Thema, auf das er immer wieder zurückkam.Allerdings war seine persönliche Theologie von der Blasphemie nicht leicht zu unterscheiden.Auf seinem größten und bekanntesten Gemälde, "Der Einzug Christi in Brüssel", hat er dem Gottessohn seine eigenen Züge geliehen.In der wimmelnden Menge von Fratzen und Masken bemerken wir eine einzige Figur mit menschlichem Antlitz - den Marquis de Sade.Auf einer farbigen Zeichnung ("Golgatha") hängt Ensor selbst am Kreuz, während ihm der Kritiker Fétis, einer seiner schärfsten Gegner, mit der Lanze in die Seite sticht. Die Ausstellung im Barbican Centre hat 140 Werke zusammengetragen, zur Hälfte Gemälde.Sie gibt sich besondere Mühe, die englischen Wurzeln von Ensors Kunst herauszuarbeiten.Das fällt ihr nicht schwer.Ensor selbst sagte von sich unter Anspielung auf die damals gefeierten Präraffaeliten: "Ich fühle mich englischer als die meisten englischen Maler, die heute sklavisch die frühen Italiener imitieren." Vorbild für seine Landschaften, die später Nolde so begeisterten, waren Turners der Gegenständlichkeit bereits weit entrückte Visionen.Die Vorbilder für seine satirischen Zeichnungen und Stiche fand er bei den englischen Karikaturisten Hogarth, Rowlandson, Gillray und Cruikshank, die ihm allerdings allesamt technisch weit überlegen waren. Ensors Vater ging in der spießigen, selbstgerechten Welt der flämischen Provinz mit 52 Jahren zugrunde.Der Sohn machte es sich unter den Charaktermasken bequem und verließ Ostende nicht einmal, als es in beiden Weltkriegen schwer umkämpft war.Doch gab es in seinem langem, beinahe 90jährigen Leben, wie auch diese Ausstellung wieder bestätigt, nur eine kurze wirklich schöpferische Periode, etwa von 1885 bis 1895.Sein realistisches Frühwerk ist brav-epigonal.Nach 1900 begann er sich selbst zu kopieren und machte sich wie später Chirico sogar den Spaß, die Autorschaft an Arbeiten, die ihm nicht mehr gefielen, zu verleugnen.Aus dem angriffslustigen Anarchisten war geworden, was ziemlich genau zur gleichen Zeit Tonio Kröger nach den heißen Ausschweifungen in Italien wurde - ein Bürger. Barbican Centre London, bis 14.Dezember; Katalog 18.95 Pfund.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben