Kultur : Maß für Maß

Berlin goes Bollywood: „Tailor Made Dreams“

Silvia Hallensleben

Sein Leben lang hat der indische Maßschneider Issar europäische Reisende mit Anzügen aus seiner Werkstatt in Bangkok versorgt. Immer wieder wurde er von seinen Kunden zum Gegenbesuch eingeladen. Jetzt ist es so weit: Issar fliegt nach Europa, mit dem deutschen Filmregisseur Marco Wilms im Schlepptau (oder ist es umgekehrt?) und im Gepäck einigen der Abertausend Visitenkarten ehemaliger Geschäftspartner, die er im Lauf von Jahrzehnten gesammelt hat. Auch einige Frauen sind dabei, die damals dem Charme des Womanizers erlagen. Auch als Rentner ist Issar noch ein gut aussehender Mann; Filmstar wäre er gern geworden, natürlich in Bollywood, und auch sein Europabild speist sich aus den romantischen Episoden vor allem seines Lieblingsfilms – Raj Kapoors Filmklassiker „Sangam“, der 1964 erstmals die exotischen Schauplätze aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz in Farbe auf indische Leinwände brachte.

So inszeniert auch Marco Wilms („Mittendrin“) Issars europäische Reise als impressionistisches Märchen mit starkem Bollywood-Akzent. Da wird selbst die nüchterne Berliner Wirklichkeit bald vom sanften Rausch hineingeträumter Gruppentänze verzaubert, in denen orientalisch bekleidete Mädchen am Spreeufer beschwingt die Hüften schwenken. Weitere Stationen sind Brüssel und Finnland, bevor es – ganz wie in „Sangam“ – höchst sentimental in den Schweizer Alpen endet.

Dazwischen schlechter Gesang und schön lächelnde Frauen, und auch eine Reihe mehr oder weniger gelungener Begegnungen, die aber nie sichtbare Intensität entfalten. Überhaupt will sich Empathie in der locker dahinplätschernden Szenenfolge nicht so recht einstellen. Und auch Erkenntnisblitze, die sich aus der Konfrontation von filmgezeugter und echter Wirklichkeit, asiatischer und nordeuropäischer Kultur hätte ergeben können, bleiben aus. So ist „Tailor Made Dreams“ nur etwas für harte Bollywood-Fans: Sie dürften zumindest einige der nachinszenierten Filmzitate zuordnen können und sich an den vielen Musik- und Tanzdarbietungen erfreuen.

Blow Up, Eiszeit (OmU), Hackesche Höfe, Neues Kant

0 Kommentare

Neuester Kommentar