"Masse und Klasse" im Museum der Dinge : Schick ohne Schnickschnack

Von wegen trister Osten: Das Werkbundarchiv - Museum der Dinge in Berlin zeigt Gebrauchsgrafik der DDR.

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Farben des Sozialismus. Cover der Zeitschrift "Neue Werbung" von 1975.
Farben des Sozialismus. Cover der Zeitschrift "Neue Werbung" von 1975.Foto: Armin Herrmann/Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge

Das Bild sitzt für immer im Kopf: der Osten war grau. Nicht nur die Hausfassaden, sondern auch die Produkte der Mangelwirtschaft – alle nur in asketisch gestalteten Notverpackungen zu haben. Grober Karton, billige Folie, Gummiband, fertig. Draußen steht dran, was drin ist: Würfelzucker, Haushaltskerzen. Kein Vergleich mit den sinnlichen Warenwelten, den subtil und differenziert die Begehrlichkeiten und Prestigegelüste der Konsumenten triggernden Gebrauchsgüter im Westen. Oder wie das der Philosoph Harry Lehmann 2009 in einem Essay formuliert hat: „Der Sozialismus ist letztendlich an seiner Alltagsästhetik gescheitert. Es war das typische DDR-Design, das die Bürger gegen ihren Staat aufgebracht hat. Mit der heiteren Gelassenheit eines glücklich Davongekommenen möchte ich behaupten: Die Wende 1989 war eine ästhetische Revolte.“

Diesem bezwingend steilen Diktum stellt sich jetzt das seit den siebziger Jahren an der Konsum- wie der Kapitalismuskritik geschulte Werkbundarchiv in Berlin entgegen. Im Museum der Dinge zeigt die in die ständige Ausstellung von Alltagsgegenständen eingebettete Ausstellung „Masse und Klasse“ die Schokoladenseite der notorisch unterschätzten DDR-Gebrauchsgrafik. Und zwar anhand herausragender Zeitschriftencover von „Sibylle“ und „Das Magazin“, der schwarzen Taschenbuchreihe „Spektrum“ des Verlags Volk und Welt, Typografien wie der von Gert Wunderlich entworfenen serifenlosen Schrift „Maxima“, sowie von Schallplatten, Verpackungen und Plakaten.

Das Entrée bildet eine Wand mit Titelbildern der Zeitschrift „Neue Werbung“. Das auch in die Sowjetunion gelieferte Fachblatt erschien von 1954 bis 1989 und suchte mittels eines wahren Feuerwerks schicker Gestaltungsideen davon abzulenken, dass Werbung im Sozialismus ein Paradoxon ohne ökonomische Legitimation ist. Wozu schließlich um Käufer werben, wenn es keine konkurrierende Firmen gibt? Vielleicht weil der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt, sondern auch noch Spiele haben möchte, wie nach den puristischen Anfängen irgendwann auch die staatliche Mode- und Kosmetikindustrie einsehen und – auch unter dem Druck westlicher Vorbilder – Linien für den individuellen Käufergeschmack auflegen. Im Fall des Kosmetikherstellers Florena etwa die in einer Vitrine ausgestellte junge Linie „Action“. Die hellrosa Dose mit dem dramatisch schwarzen Versalienschriftzug auf einem Gitterraster sieht wie der Haarspray gewordene Zeitgeist der Achtziger aus.

Modischer Schnickschnack wie dieser ist in der teils schon zu DDR–Zeiten eingelagerten und für die Ausstellung mit Leihgaben ergänzten Sammlung des Werkbundarchivs aber die Seltenheit. Stattdessen dominieren die der zeitlos „guten Form“ verpflichteten Gestaltungsbeispiele. Sie knüpfen an die Tradition des Bauhauses und des Werkbunds an, die – ungeachtet der Formalismusdebatte der Fünfziger – an Hochschulen wie der Burg Giebichenstein in Halle, der Kunsthochschule Weißensee in Berlin und der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig gelehrt wurde. Schöne Beispiele für diese bestechend moderne, grafisch klare, farbenfrohe Verpackungsgestaltung sind Klaus Wittkugels Dekopan-Film-Verpackungen. Dem Stil dieses wichtigen Grafikers schließen sich auch die Pappschachteln der Narva-Glühlampenwerke und der Orwo-Filmfabrik Wolfen an. Weitaus verspielter sind die Entwürfe von Werner Klemke, eines weiteren Gottvaters der DDR-Grafik. Klemke lehrte an der Kunsthochschule Weißensee, illustrierte die Schulfibel und Generationen prägende Kinderbücher und war Hausgrafiker des „Magazins“, dessen charmant-frivoler Ruf nicht nur auf der obligatorischen Aktfotostrecke, sondern auch auf Klemkes geradezu französisch leichter Covergestaltung fußte. Eine Art grafischer Hochkultur, mit der nur noch die für das Berliner Ensemble oder die Volksbühne angefertigten Theaterplakate mithalten können. Auch sie sind in dieser schönen Schau zu sehen, die die DDR-Grafik würdigt, ohne sie ostalgisch zu verklären.

Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Oranienstraße 25, Kreuzberg, bis 3. Juli, Do-Mo 12-19 Uhr, Vortrag „Plakatgestaltung in der DDR“ am 4. April, 19 Uhr

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