Kultur : Masse und Pracht

Fabelwesen aus Bronze: Botero kommt mit seinen Skulpturen zur Fußball-WM in die Hauptstadt

Martin Gehlen

Seine voluminösen Plastiken stehen in den Metropolen der Welt – in Paris auf den Champs-Elysées, in New York auf der Park Avenue, in Florenz am Flughafen. Nun sollen Fernando Boteros monumentale Bronze-Schöpfungen erstmals auch nach Berlin kommen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und die kolumbianische Botschafterin in Deutschland, Victoriana Mejia-Marulanda, haben gestern darüber grundsätzliches Einvernehmen erzielt. Zwanzig Plastiken, jede zwischen 600 Kilo und einer Tonne schwer, sollen Anfang Juni 2006 – also mit Beginn der Fußballweltmeisterschaft – für etwa drei Monate als Skulpturenpark auf Straßen und Plätzen in Berlin-Mitte aufgestellt werden.

Im Gespräch sind verschiedene Standorte: das Gebiet um das Kulturforum, die Philharmonie, die Neue Nationalgalerie sowie der Potsdamer Platz oder aber der Boulevard Unter den Linden gegenüber der Humboldt-Universität zusammen mit dem August-Bebel-Platz neben der Staatsoper. „Das wäre toll für die Stadt“, erklärte der Chef der Senatskanzlei, André Schmitz, gegenüber dem Tagesspiegel. Da der Regierende Bürgermeister jedoch rechtlich für die Erlaubnis nicht zuständig sei, liege die letzte Entscheidung beim Bezirk Mitte. Dessen Vertreter nahm ebenfalls an der Besprechung im Roten Rathaus teil. Bereits in der nächsten Woche sollen die konkreten Vorbereitungsgespräche und Planungen für die beiden möglichen Areale beginnen.

Für das Großprojekt in Berlin will der 73-jährige Maler und Bildhauer aus Kolumbien fünf neue Skulpturen schaffen. Die übrigen 15 stammen aus seinem bisherigen Repertoire. Fernando Botero, der in Medellin geboren wurde, gehört zu den bekanntesten Künstlern der Welt. Seine Bronzefiguren stellt „der Magier der fülligen Fabelwesen“, der ansonsten abwechselnd in Paris und New York arbeitet, in der kleinen italienischen Stadt Pietrasanta in der Toskana her. Pietrasanta, wo Botero seit 1980 ein Atelier hat, lockte ihn als „Zentrum des Marmorgebiets“, wie er selbst sagt. Außerdem entdeckte er hier die „besten Gießereien der Welt“.

Geboren wurde die Idee eines Skulpturenparks auf Zeit in Berlin-Mitte vor zwei Jahren – und Fernando Botero war sofort begeistert. Die Kosten von etwa 600000 Euro für den Transport, die Versicherung, das Aufstellen der Plastiken sowie das Eröffnungsfest für die Bevölkerung übernehmen private Sponsoren – deutsche Firmen, die Tochterunternehmen in Kolumbien haben. Botero selbst wird zur Auftaktfeier nach Berlin kommen. Mit seiner Kunst will er den Deutschen die humane und lebensfreundliche Seite seiner lateinamerikanischen Heimat Kolumbien nahe bringen – ein Land, das im Bewusstsein der Welt ansonsten nur mit Drogenhandel, Mord, Guerillas und Gewalt in Verbindung gebracht wird.

In Europa hat es solche Skulpturenparks auf Zeit bereits in Madrid, Lissabon, Kopenhagen, Venedig, Florenz, Monte Carlo und Paris gegeben. Die meisten seiner Bronze-Plastiken stehen jedoch in Boteros Geburtsstadt Medellin. Dort gehören die voluminösen Menschen und Tiere mit ihren sanften, runden Oberflächen seit Jahrzehnten ganz selbstverständlich zum Stadtbild. Leute sitzen auf ihnen, diskutieren, spielen Karten, essen Eis oder lehnen sich an, um auszuruhen. In Deutschland gab es eine solche Aktion 1998 in Bamberg. Der Erfolg war so groß, dass eine Bürgerinitiative eine der Figuren, die 850 Kilo schwere „Dicke“, für den Bamberger Heumarkt ankaufte.

Angestoßen durch das neue Skulpturenprojekt könnte sich für Berlin eine weitere spektakuläre Zusammenarbeit mit Fernando Botero entwickeln. Aus Wut über die Folterpraktiken im irakischen Gefängnis von Abu Ghraib malte der Künstler im letzten Jahr einen furiosen 48-teiligen Bilderzyklus, der jetzt im Palazzo Venezia in Rom ausgestellt ist – zusammen mit etwa 80 Werken aus früheren Schaffensperioden.

Ölbilder Boteros werden heute für gut eine halbe Million Euro pro Stück gehandelt. Seine Arbeiten zu Abu Ghraib will der Künstler jedoch nicht verkaufen, sie sollen nur ausgestellt werden – nach Rom nun möglicherweise auch in Berlin. Später will er sie einem Museum schenken. Vielleicht einem irakischen.

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