Kultur : Massiv bedroht: Orhan Pamuk sagt Reise ab

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Unter dem Eindruck massiver Drohungen hat der türkische Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk eine Reise nach Deutschland abgesagt. Der Hanser-Verlag, in dem Pamuks Bücher in Deutschland erscheinen, habe die Absage seiner Auftritte in Berlin, Köln, Hamburg, Stuttgart und München bestätigt, berichtet der „Kölner Stadt-Anzeiger“. Pamuk sehe sich offenbar nach dem Mord an dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink konkret gefährdet. Dabei gilt für ihn nach Expertenansicht nicht das Ziel Deutschland als Risiko, sondern das Reisen überhaupt. Am Freitag sollte der 54 Jahre alte Pamuk in Berlin die Ehrendoktorwürde der Freien Universität erhalten.

Der mutmaßliche Drahtzieher des Mordes an Dink hatte am vergangenen Mittwoch vor einem türkischen Gericht gedroht: „Orhan Pamuk, seien Sie klug.“ Wie der auf offener Straße erschossene Dink wird auch Pamuk von türkischen Nationalisten angefeindet. Nach kritischen Äußerungen zum türkischen Massenmord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg war der Autor wegen „Beleidigung des Türkentums“ angeklagt worden. Der Prozess gegen Pamuk war Anfang 2006 eingestellt worden.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU), sprach von einer großen Herausforderung für die türkische Regierung. Diese müsse die Meinungsfreiheit in der Türkei durchsetzen, sagte er. „Die Drohungen gegen Hrant Dink sind offensichtlich nicht ernst genug genommen worden.“ Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, sagte: „Mich bedrückt, dass ein Schriftsteller um sein Leben fürchten muss und dass das in der Türkei passieren kann.“ Pamuk sei in Deutschland herzlich willkommen.

Der Autor Ralph Giordano rief die muslimische Gemeinschaft in Deutschland zu Solidarität mit Pamuk auf. „Die Muslime müssen nun glaubwürdig und nachhaltig dokumentieren, dass der Terror, der aus dem Islam kommt, auch ihr Feind ist“, sagte Giordano. dpa

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