Kultur : Mathestunde

Joscha Schaback

NEUE MUSIK

Kaltes Arbeitslicht, Kabelsalat, chaotisch aufgestellte Stühle und Notenpulte im Haus der Festspiele. Wahrscheinlich geht es bei der Präsentation des niederländischen Komponisten Louis Andriessen darum, sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Aber nein, die Mitglieder des Ensemble für Neue Musik verbeugen sich schon bevor sie anfangen. Geht es hier um Musikperformance? Schließlich wird ein Video von Hal Hartley projiziert: Zwei erwachsene Schüler müssen Mathe pauken bei einem doofen Lehrer. Wenn hier das Zusammenspiel von Live-Musik und Bild gemeint ist, überträgt sich davon wenig. „The New Math(s)“ leitet eher die Frage des Abends ein: Was ist das für eine Veranstaltung? Der endlose Umbau und das hereinschlurfende Quartett aus Tenorsax, Marimba, Gitarre und Klavier vermitteln das Gefühl, dass man eigentlich seine Bierpulle mit in den Zuschauerraum hätte nehmen sollen wie bei einer Jamsession. „Hout“ (Holz) eine Art minimalmäßiger Jazzkanon lässt die Musiker aber unjazzig an den Noten kleben. Erst gegen Ende wird es groovig. Mit der Sängerin Christina Zavalloni im Pailettenkleid wechselt das Genre nochmals: Mit ausdrucksstarkem Gestus beginnt sie so etwas wie Show. Zusammen mit Bläserensemble, Klavier, Kontrabass und der Solo-Violinistin Monica Germino besingt sie die übersinnliche Reise in der Straßenbahn nach Amerika und zurück. Dazu gibt es diesmal ein Video von Marijke van Warmerdam mit wabernden blauen Tüchern, die für Wasser stehen sollen. Nun gut. Eigentlich wird erst in „La Passione“ klar, dass hier ein interessanter experimenteller Komponist portraitiert wird. Die beiden Solistinnen werden jetzt von großem Orchesterensemble getragen. Das Zusammenspiel von Stimme und verstärktem Geigensound wird zum Ereignis und der Dirigent Stefan Asbury kann das Orchester rhythmisch zum Rocken bringen. Fast zu spät.

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