Mathilde Vollmoeller : Vom Leben gezeichnet

Mathilde Vollmoeller galt als „Maler-Ehefrau“. Nun wird die Berliner Künstlerin neu entdeckt.

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Luftig-zart. Aquarell „Stadtlandschaft“, Berlin, um 1928. Foto: Gerhard Kayser, Speyer

Dabei war sie so begabt. Leo von König, einer ihrer Lehrer und Künstler der Berliner Secession, schrieb: „Sie haben ein famoses Talent und aus Ihnen muss etwas werden.“ 1908 berichtete das Berliner Tageblatt über die Malerin und attestierte ihr „starke Begabung und stärkerer Wille“. Und dann das: In ihrem Reisepass war sie nur als Wegbegleiterin gekennzeichnet. Mathilde Vollmoeller, so das Dokument, war „Kunstmaler-Ehefrau“. Auch die Kunstgeschichte ging jahrelang davon aus, dass sie ihre Karriere aufgab, um ganz für ihren Mann, den Maler Hans Purrmann und die drei Kinder da zu sein. Ende der 90er Jahre tauchten dann im Nachlass der Tochter zwei Koffer auf. Darin: rund 360 Gemälde, Aquarelle und etwa 2000 Briefe. Die Fundstücke belegen, dass die 1943 gestorbene Mathilde Vollmoeller-Purrmann lebenslang weitermalte. Als Wiederentdeckung feiert sie nun die Ausstellung „Berlin – Paris – Berlin“ im Kunstforum der Berliner Volksbank. Drei Jahre nach der Retrospektive Purrmanns.

Stillleben mit Kamelie, 1913. In pastösen Strichen trägt die Malerin dunkles Grün und Rotbraun auf, kontrastiert mit leuchtendem Gelb und zartem Rosa. Es dürfte eines ihrer letzten Ölgemälde gewesen sein. Denn Vollmoeller-Purrmann änderte plötzlich ihre Technik. Das schnelle Aquarellieren erlaubt ihr, beides zu sein, Künstlerin und Mutter. Die ersten Arbeiten sind luftig-zart, angedeutete Farbflächen genügen ihr. Später dann wird sie zu ihrer kräftigen Farbpalette zurückfinden, zu ihrem dynamischen Pinselstrich, mit dem sie italienische Landschaften genauso malt wie Stillleben mit Obst.

Mathilde Vollmoeller-Purrmann stammt aus einem reichen, bürgerlichen Elternhaus. Als sie 1897 mit 21 Jahren nach Berlin zieht, ist sie Teil der hauptstädtischen Salongesellschaft, sie trifft sich mit der geistigen und künstlerischen Avantgarde. Bei der Porträtmalerin Sabine Lepsius gehen Rainer Maria Rilke, Georg Simmel und Stefan George ein und aus, sie wird Mathildes Zeichenlehrerin und Vertraute. 1906 zieht es die junge Frau nach Paris. Cezanne macht sich in ihren Bildern bemerkbar, dann Matisse, in dessen Malschule sie studiert. Dort lernt Mathilde ihren späteren Mann kennen.

Die Ausstellung führt sie als beispielhaft für eine ganze Generation von Künstlerinnen um 1900 vor. Marg Moll, Maria Slavona und Sabine Lepsius bekommen eine eigene Nische. Vor allem an Letzterer zeigt sich, wie es hätte anders laufen können für Mathilde. Auch Sabine Lepsius war Mutter. Sie engagiert sich in der Frauenbewegung, leitet eine eigene Malklasse, 1904 tritt sie als Rednerin beim Internationalen Frauenkongress in Berlin auf.

Bezeichnend sind jene frühen Akte von 1910, die einen direkten Vergleich zwischen den beiden Purrmanns ermöglichen. Hans stellt die Frauengestalt in leichter Untersicht dar, der Körper steht im Kontrapost wie eine klassische Skulptur. Mathilde hingegen zeigt eine Frau mit kräftigen Oberschenkeln und gesenktem Blick. Es ist eine starke Frau, vom Leben gezeichnet. Anna Pataczek

Budapester Straße 35, bis 16. 5., täglich 10 - 18 Uhr, Katalog € 14,90.

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