Kultur : Matratzen mit geringen Fallhöhen

Warten aufs Literaturwunder: Der 11. Open Mike lief gut geölt – man vermisst den Sand im Getriebe

Stefanie Müller-Frank

Vier Rituale sind es, die den Open Mike ausmachen und ihn von seiner Konkurrenzveranstaltung in Klagenfurt, dem Ingeborg- Bachmann-Wettbewerb, unterscheiden: die anonyme Vorauswahl aus den eingesandten Prosa- und Lyrikmanuskripten, die Patenschaft der sechs Lektoren für ihre nominierten Kandidaten, ein unerbittlicher Wecker, der jede Lesung nach 15 Minuten beendet, und vor allem die schweigende Jury, die erst bei der Preisverleihung auf die Bühne tritt. Unter der Hand aber macht sich ein fünftes Ritual bemerkbar: Die Zuhörer – Journalisten und Verleger, Lektoren ebenso wie Laien – äußern sich immer wieder enttäuscht über den fehlenden Mut vieler Texte, ein Risiko einzugehen.

18 bisher unveröffentlichte Autoren lasen in der Backfabrik, in die die Berliner Literaturwerkstatt zur elften Runde des alljährlichen Nachwuchswettbewerbes für deutschsprachige Literatur eingeladen hatte. Hier haben Jungautoren die Chance, vor Fachpublikum zu lesen, und so manchem hat sich hier schon ein Türchen zum Literaturbetrieb geöffnet. Dieses Jahr bekam man jedoch kaum Überraschendes zu hören: solide erzählte Beziehungs- und Familiengeschichten, ein Stückchen aus dem x-ten Berlinroman oder eine mäßig erheiternde Lektion in schwäbischer Mundart. In den Lesepausen tauschten die zahlreichen Zuhörer die persönlichen Favoriten aus, aber wirklich setzen wollte man auf niemanden. Bis die letzte Autorin des ersten Tages auf die Bühne trat und zu lesen begann. Mit einem Schlag war die drückende Stille im Publikum verscheucht und verwandelte sich in heitere Empörung und befreiendes Lachen.

Dabei war der Textauszug, den Kirsten Fuchs vortrug, durchaus nicht witzig. Im Gegenteil: Unerbittlich schildert er das Milieu eines Sozialarbeiters abwechselnd aus männlicher und weiblicher Sicht, wobei die Aufeinanderfolge der unterschiedlichen Blickweisen eine skurrile Doppelsicht auf die Sexualität gewährt: „Auf einmal ist es vorbei. Ihre Haare hängen über den Matratzenrand. Wir haben uns an den Abgrund gevögelt. Das klingt viel schöner, als es ist. So ein Matratzenabgrund ist nicht hoch. Da fällt man nicht tief.“ Mit treffsicherer Wortwahl und der selbstironischen Leichtigkeit ihrer kurzen, flüssigen Sätze, die auch beim Vorlesen nicht flapsig wirkten, hatte Kirsten Fuchs die Zuhörer sofort auf ihrer Seite. Die gelernte Tischlerin lebt in Berlin, leitet seit mehreren Jahren Arbeitsgruppen beim „Workshop Schreiben“ und ist bereits Mitglied zahlreicher Lesebühnen. Nach ihrem Auftritt war man sich einig, dass sie einen der drei Förderpreise einheimsen würde. Und so kam es dann auch.

Die Jury setzte sich wie in den Vorjahren aus drei Schriftstellern zusammen: Ferdinand Schmatz, Ingomar von Kieseritzky und Karen Duve – selbst Preisträgerin des 2. Open Mike von 1994. Sie prämierten neben Kirsten Fuchs zwei weitere Autorinnen aus Berlin, die in ihren Wettbewerbsbeiträgen einigen Mut zu formaler Brüchigkeit und einer eigenwilligen Textlogik bewiesen hatten. So scheint die Ich-Erzählerin in Petra Lehmkuhls irritierender Erzählung „Dosenpfand“ dem Leser zunächst ihre Beziehung zu einem Mann zu offenbaren – um kurz vor dem Ende frech erkennen zu geben, dass weder die Vorgeschichte noch das Nachspiel etwas aussagen und sie eigentlich auch gar nicht vorhat, irgendetwas zu erklären.

Ganz anders die „33 funktionierenden Maschinen“ von Veronika Reichl: Ihre Prosaminiaturen entwerfen intelligent und präzise eine Baustelle menschlicher Gefühle oder vielmehr deren Versatzstücke, aus denen sich die Figuren ihre eigene, beliebige Identität zusammenbasteln. Der lakonische Tonfall, in dem diese Selbstkonstruktionsskizzen geschildert werden, blieb im Ohr.

Leider bildete die Unverfrorenheit dieser Texte eine Ausnahme. Ihnen hinzuzufügen wären vielleicht noch Guliano Musios Romanauszug „Salzwasser“ sowie die Erzählung „Schnauze von Himmel“ von Sünje Lewejohann, die Martin Hielscher, Programmleiter für Literatur beim Verlag C.H. Beck, mit Herta Müllers Debüt „Niederungen“ verglich. Insgesamt aber waren die Qualitätsunterschiede unüberhörbar. Was einem Großteil der vorgetragenen Texte fehlte, waren Fantasie, formale Innovation und eine existenzielle Notwendigkeit. So versteht man die Sehnsucht Hielschers nach einer „partisanenhaften Literatur“ – zu der er sich in seinem Vorwort zur Textsammlung dieses 11. Open Mike bekennt. Zugleich aber heißt es dort: „Literatur muss notwendig sein, und das Aufregende ist, man findet diese Texte dann doch, und die Maschine läuft weiter.“ Gut geölt war sie, die Literaturmaschine, bei diesem Wettbewerb. Aber wo sind die Partisanen, die Sand ins Getriebe streuen?

Die Wettbewerbstexte sind nachzulesen in: 11. Open Mike. Allitera Verlag. München 2003. 184 Seiten, 12,80 €. In der Nacht vom 15. auf den 16.11. sendet DeutschlandRadio Berlin ein Feature mit Textpassagen und Interviews , ab 0.05 Uhr.

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