Kultur : Matt Bianco und eine Bigband-Klinik

KAI MÜLLER

Mir ist kürzlich ein altes Tape wieder in die Hände gefallen. Darauf stand: Matt Bianco. Mehr nicht. Das schien damals ausgereicht zu haben, um zu wissen, welche Platte ich aufgenommen hatte. Matt Bianco, das waren die Erfinder des Popjazz, die mit einer Mischung aus Latin-Rhythmen und Synthie-Rhythmen dafür sorgten, daß ein ausschweifendes Bläsersolo nicht weiter störte. Man konnte die Perfektion, mit der ihnen die Umwandlung der Traditionspflege in Tanzbarkeit gelang, verlogen finden, sie blieb doch unwiderstehlich. Es war klar, sie griffen auf die Stilistik des Jazz nur zurück, weil ihnen die Einfärbung gefiel. "Ist doch in Ordnung, die Trompeten-Einlage, dauert der Song wenigstens länger."

Immer, wenn über den Aufmerksamkeitsschwund des Jazz geklagt wird, fällt mir diese Hit-Welle ein, mit der Anfang der achtziger Jahre die Sound-Verwertung des Pop über den Jazz triumphierte. Als Mick Hucknall, der Sänger der Softsoul-Band "Simply Red", kürzlich gefragt wurde, welche Bedeutung Jazz für ihn habe, sagte er: "Jazz ist heute HipHop oder TripHop oder dergleichen, weil es darum geht, was auf der Straße abläuft. Die meisten Jazzmusiker wirken lächerlich, wenn sie versuchen, die Tradition hochzuhalten." In Ordnung, man hätte die Frage vielleicht nicht stellen dürfen. Jedenfalls nicht einem Popstar wie Hucknall, der Jazz als ein Pop-Genre mißversteht.

Aber nun stand die Antwort plötzlich im Raum und ich mußte über das alte Vorurteil nachdenken, Jazz sei ein kaltgestelltes Vergnügen für Leute, die nichts mehr erwarten. Die Kraft der Straße, die Empörung über Rassisimus und soziale Ungerechtigkeit, die ihre politische Ohnmacht in Musik verwandelt, ist dem ehemals aus denselben Antrieben entstandenen Jazz tatsächlich abhanden gekommen. Und sie kann wahrscheinlich auch nicht reimportiert werden. Aber rechtfertigt das den akademisch geschulten Traditionalismus, dem es genügt, sich am stilistischen Repertoire der Jazz-Moderne, den Bop-Phasen der fünfziger und sechziger Jahre, abzuarbeiten?

Der Avantgarde-Gitarrist Bill Frisell, so ist zu hören, spielt jetzt Country Music. Das finde ich großartig. Und zwar nicht, weil er aussteigt, sondern weil er sich einer Musik zuwendet, die ihren eigenen Traditionalismus pflegt und ein paar Majestätsbeleidigungen ganz gut vertragen würde. Denn was können Improvisationen und Jazz-Phrasierungen in einem Genre, das solche Eigenwilligkeiten nicht besonders schätzt, nicht alles anrichten. Üblicherweise möchten Jazzmusiker sich als exzellente Techniker bestätigen. Während ihre nicht minder ehrgeizigen Rock-Kollegen von dem Trauma verfolgt werden, daß drei Gitarren-Akkorde für eine Sensation bereits ausreichen, dürfen sie nach wie vor daran glauben, ihre Ausdruckskraft wachse proportional zur technischen Vielseitigkeit.

Das könnte ein Irrtum sein. So richtet die Landesmusikakademie Berlin (FEZ-Palast, Wuhlheide) vom 16. bis 19. Juni eine "Jazzband-Clinic" ein, in der Bands sich unter Anleitung einer namhaften Dozentenriege von ihren Kinderkrankheiten befreien können. Der Trompeter Uli Beckerhoff wird sich, unterstützt von Mathias Nadolny (Saxophon), John Taylor (Piano), Dieter Ilg (Kontrabaß) und Leroy Lowe (Schlagzeug), vor allem dem Bandgefüge widmen. An jedem Abend finden Sessions im Kleinen Saal der Akademie statt. Am 17.6. gibt Uli Beckerhoffs "Berlin Project" ein Konzert im Quasimodo (Beginn 22 Uhr).

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