Matthias Lilienthal : Busse und Bürgerrechte

Bericht aus Beirut: Matthias Lilienthal leitet im Libanon einen internationalen Workshop. Eindrücke aus der libanesischen Hauptstadt.

Bis Sommer 2012 war Matthias Lilienthal Intendant des Hebbel am Ufer Berlin. Derzeit leitet er in Beirut das internationale, interdisziplinäre Ashkal Alwan’s Home Workspace Program. 2014 kuratiert er das „Theater der Welt“ in Mannheim. Seine Eindrücke aus der libanesischen Hauptstadt veröffentlichen wir in loser Folge.

So kann man sich täuschen. Bald nach meiner Ankunft in Beirut bin ich an einem Köfte-Stand gelandet; so eine kleine, garagenartige Bude, die kein Tourist freiwillig betreten würde. Aber die Köfte und die Hühnerspieße schmecken fantastisch. Beim Essen schaue ich mich um. Gegenüber ist ein Busbahnhof. Man erkennt nicht gleich, zumal in der Dunkelheit, dass da uralte Kisten herumstehen. Vor zwei Jahren wurde das öffentliche Bussystem abgeschafft. Und jetzt rosten diese Busse auf den Busbahnhöfen vor sich hin. Die meisten haben einen Platten, oder nächtliche Besucher haben sich genommen, was sie benötigen.

Niemand macht sich Gedanken darüber, die Fahrzeuge zu verschrotten oder zu verkaufen. Seltsam, dieser Neoliberalismus. Alle Bürgersteige Beiruts sind immer zugeparkt. Ich habe in den vier Monaten in dieser Stadt auch noch nie jemanden gesehen, der Falschparker aufschreibt. Dafür funktioniert der Nahverkehr mit dem Sammeltaxi perfekt.

Mit meinen Studenten bereite ich für den Mai „X-Wohnungen“ vor, ein Projekt, bei dem Künstler Installationen in privaten Wohnungen einrichten. Ein Projekt, das den künstlerischen Blick voyeuristisch auf die private Realität treffen lässt. „X Wohnungen“ habe ich beim „Theater der Welt“ im Ruhrgebiet entwickelt, später gab es davon Versionen in Berlin, Istanbul, Warschau, Sao Paolo. Die Zuschauer laufen von einer Wohnung zur anderen. Bei jeder Tour sehen sie sieben Stücke, die um die zehn Minuten dauern. Ich weiß nicht, wie die Zuschauer in Beirut von einer Wohnung zur anderen laufen sollen. Auf dem Bürgersteig kann man sich nicht bewegen, und auf der Straße streifen einen liebevoll die Seitenspiegel der Autos.

Bei der Suche nach Spielorten haben wir ein sehr freundliches Palästinenserlager besucht, Mar Elias. Aber ich will auch die Lager in Sabra und Shatila sehen. 1982 veranstalteten christliche Milizen, gedeckt von der israelischen Armee, ein fürchterliches Massaker. Jean Genet und Oriana Fallaci haben darüber geschrieben, der israelische Animationsfilm „Waltz with Bashir“ handelt davon.

Der Markt vor dem Lager ist voll von Menschen. Wir essen warmes Hummus und Foul zu einem Spottpreis. Man betritt Sabra durch einen Rundbogen. Nach wenigen Metern hat man den Abfallgestank in der Nase, das Ganze ist völlig runtergekommen. Feindliche Blicke streifen die Besucher. Ein paar Jugendliche sitzen an der Wegkreuzung und spielen mit ihren Pistolen. Wir stören nicht wirklich beim Drogenhandel, aber wir sind auch nicht erwünscht.

In den Lagern haben die libanesische Polizei und das Militär keine Befugnisse. Wir sind froh, wieder draußen zu sein. Keiner hat ein Wort gesagt. Unser Projekt hier kann man vergessen. Für Libanesen entspricht es dem Klischee von ausländischen Beobachtern, dass sie sich immer in Richtung dieser Lager bewegen. Aber egal, was ein Stück hier erzählen würde, es geht nicht. Es ist viel zu gefährlich.

Wir kehren zurück in unser Bohème-Ghetto. Es ist schönes Wetter. Wir wollen ans Meer, in ein Café. Als wir durch Downtown Beirut fahren, denke ich: Eigentlich müsste man die Palästinenser in dieses Viertel, in diese schicken Häuser umsiedeln. Die totale Unbelebtheit hier wirkt absurd.

Erst seit ein paar Jahren dürfen Palästinenser arbeiten, aber nicht als Mediziner, Architekten oder Rechtsanwälte. Seit 1949 leben sie hier. Die Hisbollah kämpft zwar gegen Israel, will aber auch keine Bürgerrechte für die Palästinenser: Sie würden als vollwertige Bürger das ausgezirkelte Gleichgewicht zugunsten der Sunniten verändern.

Wir wollen eine Partei gründen: die palästinensische Bohèmepartei. Bürgerechte für alle Palästinenser, öffentliche Strände für alle – und die Einführung von Kläranlagen!

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