Matthies ringt um Worte : Die Liste der Sprachpanscher

Matthies ringt um Worte: In seiner Online-Sprachkolumne bespricht Bernd Matthies diesmal den verzweifelten Versuch des Verbands Deutscher Sprache, ausgerechnet Fritz Pleitgen als Sprachpanscher zu entlarven.

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Bernd Matthies.
Bernd Matthies.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Täuscht der Eindruck, oder ist aus der verbissenen Debatte um Anglizismen und englische Vokabeln in der deutschen Sprache ein wenig die Luft raus? Immer mal wieder kocht was hoch und verschwindet wieder, aber es scheint sich wohl herumzusprechen, dass unverständliche englische Slogans nichts bringen, unabhängig davon, ob man sie nun für eine Kulturschande halten mag oder nur für vergänglichen Sprachnippes. „Colour your life“ versucht SAT1 uns seit Monaten einzutrichtern, der Sender hat sogar die leibhaftige Kylie Minogue dafür eingekauft – und die Quoten bleiben mies, gerade ist der neue Freitag mit Köchen und Comedy ziemlich abgeschmiert.

Deshalb hat mich die Mitteilung auch ziemlich kalt gelassen, dass der Verein Deutsche Sprache wieder seinen alljährlichen Sprachpanscher gefunden hat. Es ist der - mir durch recht klare Sprache bekannte – Fritz Pleitgen, dessen Vergehen zudem überschaubar ist: Er hat laut Anklage als Chef der „Ruhr 2010“ ein paar englische Worte zugelassen, beispielsweise, dass die freiwilligen Helfer, ohne die das Unternehmen nicht läuft, den Namen „Volunteers“ tragen. Dass der gesamte öffentliche Auftritt der Gesellschaft „voller denglischer Imponiervokabeln“ steckt, wie der VDS behauptet, kann ich nicht finden, er wirkt auf mich sprachlich recht akkurat durchgestaltet. Da ist eigentlich nur noch das Lichtfestival mit dem Namen „Ruhrlights: Twilight Zone“, Himmel, ja, aber im Grunde ist auch das nur ein typisches Beispiel dafür, dass der entsprechende deutsche Begriff andere Assoziationen weckt als der englische, der automatisch an die unheimliche Atmosphäre der US-Serie erinnert – und damit berechtigt ist. Und warum der Fotokünstler Horst Wackerbarth sein Projekt im Rahmen der Kulturhauptstadt „Here & there“ nennt und nicht „Hier und dort“, wird man ihn wohl selbst fragen müssen. Niemand sollte aber vom angeblichen Sprachpanscher Pleitgen erwarten, dass er da eingreift und gegen die Wortwahl des Künstlers Krieg führt.

Etwas anders sieht die Sache beim Zweitplazierten aus, der Stiftung Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, die sich für die Werbung zu Ausstellungen über die Preußenkönigin Luise Anreißer wie „It Girl“, „Fashion Victim“ oder „Working Mom“ ausgedacht hat. Dabei stören mich gar nicht so sehr die Vokabeln selbst, sondern die dahinter stehende Gedankenwelt, die eigentlich nur aus der Grauzone irgendeiner Werbeagentur stammen kann. Unsere Kreativen sind in ihrer Fixierung auf allerkürzeste Modewellen außer Stande, etwas Historisches historisch sein zu lassen und als solches zu begreifen. „Hey“, wird da ein Junior Account Manager gesagt haben, „die Alte ist 200 Jahre tot oder was, wie langweilig ist das denn? Die müssen wir mal auf ne heiße Promi-Schiene setzen.“ Und so kamen dann die Schlagworte ins Spiel, die die Königin zu einer Vorläuferin von Paris Hilton und Heidi Klum machen, dümmer geht’s wirklich nicht, und mir stellt sich in der Tat die Frage, weshalb nicht einer der vielen Hochkulturbeflissenen im Stiftungsvorstand rechtzeitig sein Veto eingelegt hat. Wohlgemerkt: Meine Kritik richtet sich nicht gegen die Tatsache, dass die Begriffe aus der englischen Sprache entlehnt sind, sondern gegen das Ranschmeißerische, um nicht zu sagen: Busengrabscherische dieser Plakate, das man sicher auch auf Deutsch irgendwie hinbekommen hätte.

Außerdem waren noch ein paar der üblichen Verdächtigen auf der Liste: Das Hessische Staatstheater, das einen Abend zum Fall der Berliner Mauer mit „The Wall“ überschrieben hat, vermutlich in der stillen Hoffnung, dass auch ein paar doofe Pink-Floyd-Fans Eintritt zahlen. Das bayerische Sozialministerium, das sich veranlasst sah, eine Aktion zur Sprach- und Leseförderung für Kinder und Familien als „Literacy-Monat“ vorzustellen, fragwürdig, denn garantiert glauben rund 90 Prozent der Leser, das sei das englische Wort für Literatur, während sich die Eingeweihten im Licht der Erkenntnis sonnen dürfen, dass damit in Wirklichkeit die Lese- und Schreibfähigkeit gemeint ist. Immerhin scheint das schlechte Gewissen zu drücken, denn eine der Aktionen dieses Monats hat das Ziel, ein deutsches Wort für „Literacy“ zu finden. Oder die Telekom, die sich mit Wortgeklingel wie „Call&Surf Comfort VDSL 25“ immer weiter in den lichten Irrsinn schraubt, keine Ahnung, ob da noch gepanscht oder eher exzessiv gekifft wird. Aber man soll die Hoffnung nie sinken lassen, wie das Beispiel der Bahn zeigt. Jedenfalls ist das alles weit davon entfernt, den Untergang des deutschen Abendlandes einzuleiten, den die Wortführer des VDS ja gern am Sprachhorizont dämmern sehen. Falls man das so sagen kann.

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