Matthies ringt um Worte : Die offene Sprache und ihre Feinde

Matthies ringt um Worte: In seiner Online-Sprachkolumne bespricht Bernd Matthies diesmal das Buch "Deutsch lebt!", mit dem Wolf Schneider und andere Aktionisten gegen Anglizismen fighten.

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Bernd Matthies.
Bernd Matthies.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die große Gefahr bei einer solchen Kolumne besteht darin, dass der Autor eines Tages als „Sprachnörgler“ bloßgestellt wird. Ein schwerer Vorwurf ohne Möglichkeit der Gegenwehr. Denn beweisen Sie mal, dass Sie kein Nörgler sind, sondern im Gegenteil einer, der die sachlich gebotene Kritik auf einen Höhepunkt der Konstruktivität zu führen versteht! Wenn ich die Lage richtig interpretiere, dann sitzen die Feinde der Sprachnörgler sehr überwiegend auf einschlägigen Lehrstühlen. Ihre rein deskriptive Haltung zur Sprachentwicklung ist vergleichbar mit der eines Entomologen, der einen Käfer mit sieben Beinen per se aufregender findet als einen mit sechs, egal, wie scheußlich das für Laien ausschaut. Die Nörgler selbst, überwiegend Journalisten, gebildete Pensionäre, fachfremde Wissenschaftler, argumentieren dagegen eher aus der Perspektive des enttäuschten Liebhabers, dem die Sprache nicht zu willen sein möchte; ihr Vormann ist der Obernörgler Bastian Sick. Spreizt sich ein Bildungspolitiker mit der Gründung eines neuen „Exzellenzclusters“, platzen sie schier vor Hohn und Spott (was ich verstehen kann). Und zum Public Viewing gehen sie erst, wenn es auf gut Deutsch „Fußballkino“ heißt (na ja).

Die „Aktion Lebendiges Deutsch“, die von Walter Krämer, Wolf Schneider, Cornelius Sommer und Josef Kraus ins Leben gerufen wurde, hat für eine lange Reihe von Anglizismen neue oder alte deutsche Wörter gesucht und ihre Arbeit dieser Tage nach vier Jahren eingestellt. „Dankenswerterweise eingegangen“ höhnt der Exponent der wissenschaftlichen Seite, der Bremer Blogger und Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch. Er sagt von sich, er habe nichts gegen Sprachpflege – nur solle man sie einfach betreiben, „ohne sich als Kämpfer gegen den Untergang des Abendlandes aufzuspielen“. Das Buch „Deutsch lebt!“ (Untertitel: „Ein Appell zum Aufwachen“), das von den vier Aktionisten geschrieben wurde und die Ergebnisse ihrer Arbeit zusammenfasst, liegt nun vor. Und es ist ein unfreiwillig gutes Beispiel dafür geworden, dass Stefanowitsch nicht ganz falsch liegt.

Es liest sich zwar flott, denn dem Textduktus ist deutlich anzumerken, dass Schneider Hand angelegt und das allzu platte Untergangsraunen zugunsten einer vernunftbetonten Argumentation wegredigiert hat - das unterscheidet das Buch von den oft eifernden Publikationen des Vereins Deutsche Sprache (VDS), bei dem man gern allerdumpfsten Antiamerikanismus als Sprachkritik verpackt. Auch die spießige Quote für deutschsprachige Musik taucht gottlob hier nicht auf. Aber…

Wie das Buch sehr schön deutlich macht, gibt es verschiedene Kategorien von Anglizismen; am einfachsten lassen sich jene vermeiden, die ein vorhandenes deutsches Wort nur übersetzen. Es gibt schlicht keinen Grund – es sei denn Imponiergehabe -, aus dem Anreiz ein „Incentive“ zu drechseln, aus dem Berater einen „Consultant“ oder aus dem Handzettel einen „Flyer“. „Bildwerfer“ für den im englischen Sprachraum unbekannten „Beamer“ geht in Ordnung. Viele Computernutzer nennen ihr Gerät ohnehin „Rechner“, also spricht auch nichts dagegen, das Laptop oder Notebook zum „Klapprechner“ zu machen. „Ausrüstung“ statt des angeberhaft profimäßigen „Equipments“, kein Problem. Und das seltsame Phänomen, dass die Champions League außerhalb des englischen Sprachraums fast nur in Deutschland „Champions League“ heißt, ließe sich durch das Wort „Meisterliga“ leicht beseitigen.

Nur sind das Banalitäten, die keine aufwendige Suche rechtfertigen. Die meisten aus dem Englischen eingeschleppten Begriffe fügen sich aber nicht so einfach, zumal, wenn sich ihr Sinn längst selbstständig gemacht hat: Der „Event“ ist ein Ereignis oder eine Veranstaltung, aber schon das Wort „Eventkultur“ transportiert ironische Konnotationen von hohlen Angeber-Galas, eine Nebenbedeutung, die durch schlichte Übersetzung verloren geht. „Meuten“ für „Mobbing“, das klingt nicht übel, hat aber auch den Nachteil, dass das für uns nicht transparente englische Wort einen Bedeutungswandel durchgemacht hat: Wir können längst auch von einem Einzelnen gemobbt werden. Die „Meute“ springt hinter diese Entwicklung wieder zurück. „Zeitwahl“ für „Timing“, geht gar nicht, das klingt eher nach Waschmaschine und deutscher Pünktlichkeit als nach der Kunst, beim Witzeerzählen oder Flankenschlagen den richtigen Moment zu erwischen, wäre also ein sinnloser Ersatz eines angenehm differenzierenden Lehnworts.

Für den „Coffee to go“ wird uns der befremdliche „Gehkaffee“ vorgeschlagen, der nach verstaubtem Gehrock schmeckt, obwohl die Geradeaus-Übersetzung „Kaffee zum Mitnehmen“ doch so nahe liegt; wer lieber Tee mitnehmen will, müsste „Gehtee“ bestellen, oh je. „Nordic Walking“ ist eben doch etwas anderes als das nun vorgeschlagene „Sportwandern“, das eher nach strammen Waden als nach spitzen Stöcken klingt. Und völlig blödsinnig wäre es, ein eindeutiges, gut in die deutsche Grammatik passendes Wort wie „Cursor“ durch den vieldeutigen und damit unpräziseren „Blinker“ zu ersetzen, der ja auch beim Angeln und Autofahren Dienst tun muss. Nur wegen der englischen Herkunft? Hier zeigt sich der irrational deutschtümelnde Ansatz der Wortsuche besonders deutlich. Mag sein, dass der Cursor dereinst Körser heißt, wie der Cake zum Keks wurde. Gut! Aber wenn er es nicht tut, geht das Abendland auch nicht unter.

Gänzlich fragwürdig ist das ohnehin nicht ganz ins System der Sprachpflege passende Lamento über den Verfall des Deutschen als Wissenschaftssprache, das einen gewichtigen Teil des Buchs ausmacht. Wenn es tatsächlich stimmen sollte, dass deutsche Wissenschaftler auf internationalen Kongressen nur „daherstottern“ und deshalb englischen Muttersprachlern unterlegen sind, dann müssen sie eben besser Englisch lernen – und dann ist es auch richtig, diese Sprache in den deutschen Universitäten zu etablieren, statt sich in haltlosen kulturpessimistischen Mutmaßungen beispielsweise darüber zu ergehen, dass die Psychoanalyse auf Englisch nie erfunden worden wäre. (Schade eigentlich…) Im Übrigen widerlegen deutsche Austauschstudenten und Wissenschaftler, die im Ausland erfolgreich sind, diese Unterlegenheitstheorie täglich tausendfach. Sicher ist es ein idiotischer Irrweg, wenn deutsche Unternehmen ihren deutschen Mitarbeitern befehlen, sich untereinander auf Englisch zu verständigen. Aber weshalb deutsche Einrichtungen nun dafür kämpfen sollten, sich im deutschen Sprachfuror international zu isolieren und mit der Welt nur noch per Dolmetscher zu kommunizieren - dafür wird kein auch nur ansatzweise überzeugendes Argument genannt.

Deutsch lebt? Na klar. Für diese Erkenntnis hätte es der Aktion allerdings nicht bedurft. Ihr Buch liefert guten Diskussionsstoff, aber nicht mehr. (IFB-Verlag, 14,80 Euro).

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