Matthies ringt um Worte : Für den Kultstatus der Nobelherberge ist gesorgt

Immer wieder erschafft die Sprache Formulierungen und Bilder, die zunächst frisch und originell wirken, dann aber rasch verfallen – und nur noch weh tun. Eine Auswahl weiterer Kandidaten für ein Nutzungsverbot. Und was meinen Sie? Bitte ergänzen und diskutieren Sie unsere Liste.

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Bernd Matthies.
Bernd Matthies.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Zünglein an der Waage

Früher klebte es an der FDP, heute meist an den Grünen oder Linken. Und der berühmte Südschleswigsche Wählerverband war schon so häufig das Zünglein an der Waage, dass es seinen Mitgliedern vermutlich genau so zum Hals heraushängt wie uns Fernsehzuschauern, die diese Formulierung bei jeder Wahl dutzendfach ertragen müssen. Schief ist das Bild auch noch. Denn es soll ja besagen, dass ein kleines Gewicht in bestimmten Situationen große Bedeutung haben kann. Doch das Zünglein zeigt nur an, auf welcher Seite mehr Gewicht liegt, es bedeutet und entscheidet selbst überhaupt nichts. Sonst läge es in der Waagschale drin. Angesichts dieser Nutzlosigkeit sollten wir es mitsamt der antiken Waage dem Flohmarkt überlassen – dem Sprachflohmarkt, falls es den gibt.

Für Speis und Trank ist gesorgt

Jemand lädt uns zu einem Fest ein, und wir erwarten selbstverständlich, dass es Essen und Getränke geben wird. Trostreich, auf der Einladung zu lesen: „Für Speis und Trank ist gesorgt“. Was aber lässt ganz normale Mitmenschen deutscher Zunge in den Jargon des Mittelalters verfallen? Warum nicht gleich „Atzung und Trunk“? Droht uns möglicherweise eine Veranstaltung, auf der zottelbärtige Menschen in Mönchskutte und selbst genähten Sandalen mit der Drehleier lärmen? Ein Ritterspektakel, bei dem wir genötigt werden, scheußlichen Met zu trinken und Wildschwein mit den Händen zu essen? Am Ende handelt es sich meist nur um faden Nudelsalat und laues Bier, schlimm genug.

Nobelherberge

Genau genommen: ein einfaches Gasthaus, in dem der Stifter des berühmten Preises eine Nacht verbracht hat. Nur ist das Wort leider nicht so gemeint, sondern nutzt die Stilfigur des Oxymorons, des Zusammenspannens zweier sich widersprechender Begriffe, zu einer ironischen Volte. Bzw.: Es hat sie genutzt, ungefähr 1963 im “Spiegel“. Und von dort ist es langsam in die deutsche Schriftsprache eingedrungen, wo es immer neue Wechselbälger zeugt, meist sogar ohne die anfangs lustige Fallhöhe der Nobelherberge: Nobelrestaurant, Nobelkarosse, Nobelmarke. Wer „nobel“ auf diese Weise benutzt, tut das mit einem gönnerhaften Schulterklopfen beim Leser: Ist für uns beide zu teuer, aber sowieso doof, nicht wahr?

Zurückrudern

Ein Politiker hat was Falsches gesagt – und schon sitzt er mit dem Einverständnis der gesamten schreibenden und sprechenden Presse im Boot. Das war mal komisch, vor etwa 30 Jahren. „Der genervte Präside übte sich im Zurückrudern.“ Was aber mag heute nach ca, drei Millionen Einsätzen nützlich daran sein, dass wir jemanden nicht widerrufen, sich widersprechen, seine Meinung ändern oder sich korrigieren lassen? Stattdessen wähnen wir ihn beim Zurückrudern - und nicht, das ginge ja auch, beim Zurücklaufen, Umkehren oder tausend anderen möglichen Bildern. Eine reine Marotte, immer gut, um eine Wette zu gewinnen. Denn egal, wer den Tagesthemen-Kommentar auch spricht, egal, um welches Thema es geht: Es wird drin todsicher zurückgerudert.

Sich schlau machen

Gehört ins Kundenbetreuerdeutsch. Kundenbetreuerdeutsch ist jene seltsame Ausdrucksweise von Werkstattmeistern, IT-Beratern oder Media-Markt-Verkäufern, die kleine, harmlose Scherze durch fortwährende Wiederholung versteinern lässt. Plötzlich gibt es dann unzählige Menschen, die „Zum Bleistift“ sagen, wenn sie „Zum Beispiel“ meinen oder beim Aufstellen der Rechnung zackig die „Märchensteuer“ aufschlagen. Und wenn sie irgendwen fragen müssen, weil sie ein Problem nicht lösen können, dann „mach ich mich mal schlau und rufe zurück“. „Zurück!“ können wir da nur rufen, informier dich, frag nach, erkundige dich, aber mach dich bitte niemals schlau. Wer schlau ist, hat das nicht nötig.

Kultstatus

Stefan „Bahnschranke“ Nüsse besitze Kultstatus in der vierten Fußballmannschaft des SV Union Löhne, teilt uns die Neue Osnabrücker Zeitung mit. Die „Fehlfarben“ seien eine Band „mit einem Rest Kultstatus“, lesen wir bei der „Zeit“. Und die „Netzeitung“ wusste einst zu berichten, Rufus Wainwright sei eine „Schwulen-Ikone mit Hetero-Kultstatus“. Diesen unterschiedlichen Erscheinungen ist offenbar gemeinsam, dass eine Reihe von Menschen sie toll findet – genug für das unausrottbare Klischee vom Kultstatus, das alles und nichts bedeuten kann: 1. Ist ein Riesenerfolg (iPhone) 2. Hat ein paar Anhänger in einer speziellen Szene („Bahnschranke“ Nüsse) 3. Ist völlig vergessen, aber da war mal was (Fehlfarben). Ein Kult ist früher ein System von Ritualhandlungen gewesen, das es nicht zur Religion geschafft hat, irgendetwas mit gerupften Hühnern am Lagerfeuer und Stricknadeln in Stoffpuppen. So ein Kult hätte heute glatt Kultstatus, nicht wahr?

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