Matthies ringt um Worte : Unwort "Döner-Morde": Ein Beitrag im Meinungskampf

In seiner Sprachkolumne "Matthies ringt um Worte" begründet Bernd Matthies, warum "Döner-Morde" als "Unwort des Jahres" eigentlich die Sicherheitsbehörden treffen soll.

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Bernd Matthies.
Bernd Matthies.Foto: Mike Wolff

Wir hatte uns so sehr an Horst-Dieter Schlosser gewöhnt, den engagierten Wahrer des Guten, Schönen und Ehrlichen in der deutschen Sprache. Nun ist er weg, im selbstgewählten Ruhestand, doch seine wichtigste (manche sagen: einzige) Erfindung, das Unwort des Jahres, lebt weiter. Manchmal war es gut getroffen, manchmal albern, aber immer komplett humorfrei dem Geiste der Aufklärung verpflichtet – daran ändert sich auch unter der Regentschaft der neuen Jury-Vorsitzenden, der Darmstädter Lingustik-Professorin Nina Janich, nichts.

„Döner-Morde“ ist das Unwort des Jahres. Erste Reaktion: Ja, okay, das ist immerhin ein bekannter Begriff, der nicht eigens für die Auswahl erfunden werden musste wie das rätselvolle „betriebsratsverseucht“. Dönermorde, so heißt es in der Begründung, sei eine sachlich unangemessene, folkloristisch-stereotype Etikettierung einer rechts-terroristischen Mordserie. Mit ihr würden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden. Der Ausdruck stehe prototypisch dafür, dass die politische Dimension der Mordserie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde.

Unwort des Jahres
"Sozialtourismus" ist Unwort des Jahres 2013: Unter den Schlagwort lief in den vergangenen Wochen und Monaten eine Debatte um Einwanderer aus Osteuropa. Darin wurde Migranten aus Rumänien und Bulgarien pauschal der Vorwurf gemacht, Sozialleistungen in Deutschland erschleichen zu wollen. In die engere Auswahl kam auch der von der CSU eingebrachte Begriff "Armutszuwanderung".Weitere Bilder anzeigen
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14.01.2014 10:27"Sozialtourismus" ist Unwort des Jahres 2013: Unter den Schlagwort lief in den vergangenen Wochen und Monaten eine Debatte um...

Das kann man so hinnehmen. Aber es bleibt der etwas fade Beigeschmack, dass statt des Wortes eigentlich die Sicherheitsbehörden getroffen werden sollen. Die ratlose Polizei hat über Jahre nichts mit den Morden anzufangen gewusst, und so klebte sie den Akten diesen Begriff auf, ein hilfloser Versuch, die Theorie zu verdichten, hier würden türkische und griechische Kleinunternehmer aus irgendwelchen mafiös-geschäftlichen Gründen ermordet.

Das mag man nun mit dem bitteren Ernst des gelernten Antirassisten auf die Formel bringen, hier würden Opfer auf ein Imbissgericht reduziert, aber schon darin schwingt der Vorwurf mit, es sei auch schlampig ermittelt worden, weil nun mal nur Türken… Das ist natürlich Blödsinn, und die Jury formuliert damit eine sehr wohlfeile Kritik aus der gemütlichen Situation des Beobachters, der alle wesentlichen Fakten kennt. Bemerkenswerter scheint mir aus meiner subjektiven Sicht, dass der Begriff aus dem öffentlichen Sprachgebrauch sofort verschwand oder nur noch kritisch zitiert wurde, nachdem die Hintergründe der Mordserie aufgedeckt waren – ein Indiz dafür, dass die Öffentlichkeit – und auch die Polizei – ein solides Gespür dafür haben, wann ein Schlagwort tatsächlich diskriminierenden Charakter annehmen könnte.

Die Spur der Neonazi-Mörder
November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht sich die Bundesrepublik erstmals seit der Wiedervereinigung mit rechtsextremem Terror in größerem Ausmaß konfrontiert. Schnell ist die Rede vom Jenaer Neonazi-Trio um Beate Z. (36), Uwe B. (34) und Uwe M. (38). Ihre Spur lässt sich bis in die 90er Jahre zurückverfolgen.Weitere Bilder anzeigen
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20.03.2013 13:59November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht...

Die Jury, mit Heiner Geißler als Gast prominent besetzt, hat sich gegen Kritik in dieser Richtung allerdings nicht ohne Raffinesse immunisiert: Das zweite Unwort auf ihrer Liste lautet „Gutmensch“. Es greife das ethische Ideal des "guten Menschen" auf hämische Weise auf, um Andersdenkende pauschal als naiv abzuqualifizieren, heißt es. Gutmensch? Eine vordringliche, das Jahr 2011 betreffende Aktualität ist nicht erkennbar, hier musste einfach mal das Unbehagen raus. Natürlich ist die Stoßrichtung des Begriffs damit gut charakterisiert, und es ist kein schlechtes „Unwort“ für alle, die sich der Bewertung anschließen. Nur handelt es sich hier nicht um Sprachkritik, sondern um einen als Sprachkritik verpackten Beitrag im politischen Meinungskampf.

Unwort des Jahres
MuttiWeitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: ddp
29.07.2009 08:31"Herdprämie": Dieser Begriff wurde zum Unwort des Jahres 2007 von einer sechsköpfigen Jury gewählt. Betreuungsgeld für zu Hause...

Das gilt wohl auch für den dritten Begriff, Angela Merkels  „marktkonforme Demokratie“. Tatsächlich ist da in einem Schlagwort allerhand zusammengerutscht, was sich bei näherer Betrachtung eher nicht als Angriff auf die Substanz der Demokratie ausnimmt. Es ging der Kanzlerin um die Frage, wie in Sachen Euro-Rettungsschirm schnelle (und notfalls diskrete) Entscheidungen getroffen werden können, ohne immer erst das komplette Bundestagsplenum einzuberufen – das wird man denken dürfen, sollte es aber nicht ausgerechnet „marktkonforme Demokratie“ nennen. Nicht weniger interessant scheinen mir die Versuche bestimmter Wissenschaftler, beispielsweise beim Klimawandel Entscheidungsbefugnisse notfalls gegen das dumme Volk oder die trägen Abgeordneten an sich zu reißen – aber da fehlt es noch am geeigneten Unwort.

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