Matti Salminen : In den tiefsten Schichten der Seele

Mächtigster Bass der Klassikwelt: Matti Salminen feiert in Berlin 40 Jahre auf deutschen Opernbühnen.

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Lebensnah. Starbass Matti Salminen in Wagners „Götterdämmerung“.
Lebensnah. Starbass Matti Salminen in Wagners „Götterdämmerung“.Foto: ©Bettina Stoess

Dieses Gewirr aus Gängen, Schleusen und Treppenhäusern, das hinter der Bühne beginnt, ist ihm viel zu niedrig. Matti Salminens mächtige Zweimeterstatur braucht die weite Szene, auf der er unvergleichlich intensive Charaktere zu zeichnen vermag. Figuren, die kräftige Schatten werfen, aus farbigem Licht und schwarzer Stimme. Sein Debüt verdankt der mächtigste Bass der Klassikwelt eben jenen schmalen Theatergassen, aus denen er Abend für Abend den großen Kollegen an der Finnischen Nationaloper lauschte. Ein junger Chorsänger, der sich sein Studium mit finnischen Tangos finanzierte. Bis seine Chance kam: In nur vier Tagen lernte er die Rolle von König Philipp II. aus Verdis Don Carlos – und triumphierte, mit 24 Jahren. „Was für ein Wahnsinn“, kommentiert er donnernd. Noch heute, über vier Jahrzehnte später, dringt er immer weiter vor in die schmerzhaften Tiefenschichten dieses zerrissenen Despoten. Philipps Arie „Ella giammai m’amo“ (Sie hat mich nie geliebt) wird er auch auf dem Konzert zu seinem 40-jährigen Jubiläum auf deutschen Opernbühnen singen, in Berlin.

Wieder an der Deutschen Oper aufzutreten, ist Salminen eine Herzensangelegenheit. Er hat sie lange als seine künstlerische Heimat empfunden und Götz Friedrich als den wichtigsten Regisseur, mit dem er zusammengearbeitet hat. 1974 trafen sie in London bei Wagners „Ring des Nibelungen“ erstmals zusammen. Als Friedrich Intendant der Deutschen Oper wird, folgen viele Neuinszenierungen, in denen Sänger und Regisseur auch in einer Art Hassliebe miteinander verbunden sind. „Das war nur positiv, man konnte diskutieren. Götz konnte auch zugeben, wenn er etwas in den Sand gesetzt hat. So was habe ich lange nicht erlebt“, sagt Salminen, und eine Sehnsucht schwebt in seiner tiefen Stimme. Eine Sehnsucht nach Theater, nach Herausforderung. Dafür kam er einst als junger Sänger nach Deutschland, ins Operndorado. Traf auf Jean-Pierre Ponnelle („Was für ein Theatermann!“), mit dem er seine erste Zauberflöte in Deutschland sang, eine Energiequelle, die auch nach über 600 Sarastros nicht versiegt ist. In Bayreuth folgen Chereaus „Ring“ und Kupfers „Holländer“. „Von Kupfer und Friedrich profitiere ich, solange ich einen Ton singen kann“, resümiert der Bass dankbar.

Fasolt, Hunding, Hagen, Boris Godunow, Sarastro, Gurnemanz, König Philipp: Matti Salminen, ein Weltstar, hat sich immer auch als Berliner betrachtet, dabei war er nie Ensemblemitglied an der Bismarckstraße, formal gesehen. Warum sie „Boris Godunow“ nicht mehr spielen, große Abende seiner Sängerlaufbahn, das versteht er nicht. Auch nicht, warum nach dem Tod Friedrichs der Faden nach Berlin riss. Umso mehr freut es ihn, dass sich sein Besuch in der Opernhauptstadt herumgesprochen hat. Valery Gergiev lässt anrufen: Bei seinem Gastspiel mit dem Mariinsky-Orchester in der Philharmonie will er den dritten Akt des Parsifal dirigieren. Ob Salminen als Gurnemanz einspringen kann? „Ich bin immer da, wenn jemand etwas von mir will und begründen kann, was er damit aussagen will.“ Salminen überlegt nicht, er sagt zu.

Auch Marek Janowski hat er das Jawort für seinen konzertanten Wagner-Zyklus mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester gegeben. Der Dirigent hat ihm vor beinahe 30 Jahren seinen ersten Hagen ermöglicht. Jetzt singt Salminen unter Janowski den Daland im „Holländer“ – und weitere Partien bis 2013, darunter sogar ein Rollendebüt als Nachtwächter in den „Meistersingern“. Wie schafft man es, über vier Jahrzehnte lang bei Stimme zu bleiben? „Ich versuche so zu leben, wie ich mir als Mensch das Leben vorstelle.“

Für seine Verehrer will er beim Jubiläumskonzert in der Deutschen Oper seine Weltkarriere nachzeichnen: Daland, Rocco, Philipp, heiterer nach der Pause mit Don Basilio und dann sehnsüchtig in finnischen Tangos schwelgend. „Wie schön ist die Musik, aber wie schön erst, wenn sie aufhört“, schließt Salminen mit Strauss. Dabei möge sich jeder denken, was er will, lacht er bebend.

Matti Salminen in Berlin: Jubiläumskonzert, 1.11., 20 Uhr, Deutsche Oper. Mariinsky-Gastspiel, 3.11., 20 Uhr, Philharmonie. Aids-Gala, 6.11., 19 Uhr, Deutsche Oper. Fliegender Holländer, 13.11., 20 Uhr, Philharmonie.

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