"Matti und Sami" im Atze Musiktheater : Schwindle doch einfach zurück

Wie wird man am besten erwachsen? „Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums“ im Atze Musiktheater zeigen einen Weg.

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Kevin Klisch (Sami) und Iljá Pletner (Matti, beide im Vordergrund) mit ihren Eltern.
Kevin Klisch (Sami) und Iljá Pletner (Matti, beide im Vordergrund) mit ihren Eltern.Foto: Jörg Metzner

Zwei entscheidende Schritte auf dem Weg zum Erwachsenwerden: 1. Den Glauben an den Weihnachtsmann verlieren. 2. Den Glauben an die eigenen Eltern verlieren. Also, an ihre unbedingte Wahrheitsliebe und Unfehlbarkeit jedenfalls. Letzteres macht der junge Held im preisgekrönten Buch „Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums“ des Berliner Autors Salah Naoura durch. Matti wohnt mit seiner gestressten Mutter, dem verschlossenen finnischen Vater und seinem kleinen Bruder Sami in einer recht beengten Neubauwohnung und muss Risse im kindlichen Weltbild hinnehmen, weil er seine Eltern gleich mehrfach hintereinander beim Lügen ertappt. Dass sie nicht für den Tierschutz spenden wie behauptet, ist noch die kleinste Flunkerei. Aber wie rückt man solche Schieflagen im kosmischen Gefüge wieder gerade? Zurückschwindeln? Wäre einen Versuch wert. Also gaukelt Matti seinen Eltern mit einigem Erfindungsreichtum vor, sie hätten beim Preisausschreiben ein Haus am finnischen Kyyvesi-See gewonnen, der Heimat seines Vaters, die er schon immer mal sehen wollte. Allerdings nicht unbedingt als Mitglied einer mittellos gestrandeten Familie.

Am Atze Musiktheater macht Thomas Sutter als Regisseur, Komponist, Liedtexter und Autor der Bühnenfassung aus Naouras charmantem Jugendbuch ein ebenso amüsantes und kindgerechtes Singspiel über Wahrheit und kurze Beine. Im Universum des Weddinger Musiktheaters ist „Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums“ insofern ein Novum, als hier Songs und Erzählung sehr harmonisch miteinander verwoben werden. Es geht nicht zu wie im Musical, wo die Darsteller den Dialog anhalten, um unvermittelt in Gesang auszubrechen. Sutters Inszenierung wirkt überhaupt bestens durchkomponiert. Klasse gespielt ist sie (unter anderem von Iljá Pletner als Matti, Heleen Joor als Mutter und Christian-Otto Hille als Vater), mitreißend getimt und in einem tollen Bühnenbild von Jochen G. Hochfeld angesiedelt, das mit multifunktionalem Blockhütten-Ambiente und vom Himmel herabfahrbarem Birkenwald beeindruckt. Vor allem aber liefert das Stück Menschen ab sieben schöne Anstöße, über Gebot oder Verbot von Lügen, Notlügen und andere Schwindeleien nachzudenken. Und, na klar, sich mit den Eltern darüber auszutauschen, ob Wahrheit Pflicht ist. Und für wen das gilt.

Wieder 28./29. Januar und 31. Januar, zahlreiche weitere Vorstellungen bis Juni

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