Kultur : Mauer in den Köpfen: Die Mauer lebt

Philipp Lichterbeck

Dass es noch viele Mauern niederzureißen gibt, verkündet an der East-Side-Galery in Friedrichshain ein Grafitti. Die Mauern, die sich durch Köpfe und Herzen ziehen, sind die beständigsten, sie stehen im Grunde zwischen den meisten Menschen. Zwischen dem Kumpel aus dem Ruhrgebiet und der Börsenmaklerin aus Rhein-Main ebenso wie zwischen der türkischen Putzfrau in Kreuzberg und dem Web-Designer in Mitte. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung hat sich die Organisation dieser Mauern zur Hauptaufgaben gemacht. Insofern ist die oft getroffene Feststellung, dass noch eine mentale Mauer zwischen Ost- und Westdeutschen existiere, banal. Was kann man anderes erwarten nach nach mehr als vierzig Jahren konträrer Lebenserfahrungen? "Was in den Köpfen ist, ist ein Abbild der Realität", sagt Daniela Dahn, eine Berliner Autorin, die wie keine andere das Unbehagen der Ostdeutschen an der Einheit beschrieben hat. Und sie zitiert ein anderes Graffiti: "Das Kapital ist schlauer, Geld ist die Mauer".

Die Bundeszentrale für politische Bildung hatte anlässlich des 40. Jahrestages des Mauerbaus zu einer Diskussionreihe mit dem Namen "Blickpunkt Mauer" in den Tränenplast eingeladen. Zur vierten und letzten Gesprächsrunde waren Rainer Burchardt, Chefredakeur des Deutschlandfunks, der die Veranstaltung live übertrug, der stellvertretende Feuilleton-Ressortleiter der Berliner Zeitung, Volker Müller, die Pressesprecherin des Aufbau-Verlags, Barbara Stang, sowie Daniela Dahn und der Journalist und Autor Christoph Dieckmann erschienen. Es ging um die rhethorische Frage, "Die Mauer - lebt sie in den Köpfen weiter?"

Zum Thema Fototour: 40 Jahre Mauerbau In einem waren sich alle in der von Paul Werner Wagner geleiteten Runde einig: Der Osten Deutschlands ist gleich nach der Wende gekippt und braucht noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, um sich vom Anschluss an das "kannibalistische" Westdeutschland (Burchardt) zu erholen. Die starke Entfremdung, die die deutsche Teilung unter den Menschen bewirkt hatte, wurde nach der Wende noch verstärkt durch den Beutezug des westdeutschen Kapitals in den neuen Ländern. Der immer wortgewaltige Dieckmann nennt die Rückgabe-vor-Entschädigung-Regelung der Kohl-Regierung den "Henkersstrick der deutschen Einheit".

Dahn ergänzt, dass die Ostdeutschen das Volk in Europa sind, dem am wenigsten von dem Grund und Boden gehört, auf dem sie leben. Sie prophezeit: "Der Osten wird auf lange Sicht zu einem Entwicklungsland, das Montagedienste für den Westen verrichtet". Dramatisch hörten sich dann auch die Statistiken von Volker Müller an. 59 Prozent der Ost-Deutschen fühlen sich trotz materieller Verbesserungen unwohl und sogar 70 Prozent akzeptieren die Marktwirtschaft nicht.

Am interessantesten dann auch die Auseinandersetzung zwischen Dahn und Dieckmann über das, was 1989 alles hätte werden können. Auf der einen Seite die idealistische Autorin, die schrieb, dass die DDR 1989 doch gerade erst anfing, Spaß zu machen, "so viel Selbstbestimmung war nie und damit so viel Selbstbewusstsein." Auf der anderen Seite Dieckmann, der einräumte, 1989 sei zwar romantisch gewesen, "aber ich will ja auch nicht wissen, was für schreckliche Platten Jimi Hendrix nach seinem Tod noch produziert hätte."

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