Mauerbau : Historikerin sieht Mauerbau-Verantwortung bei Berlin - nicht bei Moskau

Die amerikanische Historikerin Hope Harrison macht die SED direkt für den Mauerbau verantwortlich – auch wenn der Befehl aus Moskau kam

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Der promovierte Mediziner Wolfgang Petro fotografierte seit den frühen 80er Jahren die Mauer, hier eine Bahnstrecke von Berlin nach Westdeutschland. Petro selbst gelang 1977 die Flucht - in einem Kofferraum. Foto: Wolfgang PetroWeitere Bilder anzeigen
Foto: Wolfgang Petro
18.07.2011 14:14Der promovierte Mediziner Wolfgang Petro fotografierte seit den frühen 80er Jahren die Mauer, hier eine Bahnstrecke von Berlin...

Sie war eine der Ersten, die nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staatenwelt in die Archive von Ost-Berlin und Moskau ging, um Antworten zu finden: Wie konnte es zum Mauerbau kommen – und wer trug die Verantwortung für dieses zentrale Ereignis in der deutschen Nachkriegsgeschichte? Die Ergebnisse veröffentlichte die amerikanische Historikerin Hope Harrison im Jahre 2003 in englischer Sprache unter dem Titel „Driving the Soviets up the Wall“. Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus erscheint jetzt die deutsche Version. Nicht ohne Stolz vermerkt die Autorin, dass ihre Bewertungen von damals weiterhin Bestand haben.

Harrison hat ein ungemein wichtiges Buch geschrieben. Sie stellt den Mauerbau in den größeren Kontext der sowjetisch-ostdeutschen Beziehungen von 1945 bis 1961 und liefert damit einen äußerst aufschlussreichen Rückblick auf die Entwicklung des deutschen Nachkriegskommunismus. Um es gleich vorweg zu sagen: Das Ergebnis fällt für Walter Ulbricht und seine SED-Genossen alles andere als schmeichelhaft aus. Der Sozialismus war keineswegs ein monolithischer Block, wie die Zeitgenossen glaubten. Die deutschen Kommunisten dachten gar nicht daran, bloße Befehlsempfänger der Sowjetunion zu sein, wie es der letzte DDR-Machthaber Egon Krenz in seinem Prozess darzustellen versuchte. Mehr als einmal brachte das eigenmächtige Vorgehen der SED-Führung die sowjetische Seite und deren Führer Nikita Chruschtschow in erhebliche Schwierigkeiten. Ulbricht ging es, urteilt Harrison trocken, „mehr um seine eigene Macht als um das Schicksal der deutschen Nation“.

Der Mauerbau sicherte in der Tat die Macht der SED und damit die Existenz der DDR. Gleichzeitig bedeutete er aber auch das Ende aller glaubwürdigen Bemühungen, die Menschen für die kommunistische Weltanschauung zu gewinnen. Die Tatsache, dass bis 1961 Millionen von Menschen die DDR verließen, hatte mit westlichen Aktivitäten überhaupt nichts zu tun. Es war die Politik der Kommunisten, die nicht funktionierte – vom Anfang bis zum Ende. Die Bevölkerung versagte der SED die Anerkennung. Deshalb kamen freie Wahlen für die Kommunisten auch nicht infrage. Um seine Macht zu sichern, begann Ulbricht schon Anfang der fünfziger Jahre, die Idee einer kompletten Abriegelung der Grenze zu West-Berlin zu entwickeln. Von da an suchte er unaufhörlich Moskau für die Idee zu gewinnen. Dass seine Forderung im glatten Widerspruch zur politischen Wirklichkeit stand, interessierte ihn nicht. Schließlich wurde die ehemalige Reichshauptstadt Berlin gemeinsam von den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges verwaltet und die Westmächte dachten gar nicht daran, das SED-Regime anzuerkennen. Ja, der SED- Führer war sogar bereit, die beiden Supermächte Sowjetunion und USA in eine direkte Auseinandersetzung zu treiben. Er war es, der mit seinem eigenmächtigen Handeln im Oktober 1961 – also drei Monate nach der Grenzschließung – die berühmte Panzerkonfrontation am Checkpoint Charlie auslöste.

Chruschtschow dagegen verfolgte eine ganz andere Strategie. Für ihn war Deutschland das „wichtigste Testgebiet im Wettstreit zwischen Kommunismus und Kapitalismus“. Während einige seiner Führungskollegen in Moskau nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 das Experiment DDR aufgeben wollten, machte er den ostdeutschen Staat zum „Superverbündeten“, der militärisch wie wirtschaftlich gefördert werden musste. Mithilfe deutscher Tatkraft sollte in Berlin ein werbewirksames Schaufenster des Kommunismus entstehen. Der Erfolg blieb aus und so begann auch Chruschtschow darüber nachzudenken, das „Schlupfloch Berlin“ zu schließen und die Westmächte aus der Stadt herauszudrängen. Sein Ultimatum vom November 1958 hatte durchaus Chancen, zumal er offen auf die Existenz von Atomwaffen in der Sowjetunion hinwies. Die US-Regierung behielt jedoch die Nerven. Präsident John F. Kennedy, der im Januar 1961 sein Amt antrat, machte beim Gipfeltreffen in Wien unmissverständlich klar, dass die USA ihre Rechte in Berlin notfalls auch mit militärischen Mitteln verteidigen werden. Die Welt stand am atomaren Abgrund und der Sowjetführer knickte ein. Krieg stand für ihn nicht auf der Tagesordnung. Als Anfang Juli Ulbricht angesichts der exorbitanten Flüchtlingszahlen den Offenbarungseid gegenüber dem sowjetischen Botschafter leistete, musste Chruschtschow handeln. Der SED-Führer bekam seine Mauer, doch der Befehl dazu stammte aus Moskau. Dass Chruschtschow den deutschen Genossen nicht so recht traute, kann man daran ablesen, dass er den Weltkriegshelden Ivan Konjew zum Oberbefehlshaber der Truppen in Deutschland ernannte, um die Grenzschließung zu überwachen. Die Freunde in Pankow, so erinnerte sich der spätere sowjetische Botschafter Falun leicht ironisch, sollten nicht übermütig werden.

Der Autor ist Gründungsdirektor des Alliierten-Museums in Berlin.


– Hope M. Harrison: Ulbrichts Mauer – Wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach. Propyläen Verlag, Berlin 2011. 512 Seiten, 24,99 Euro.

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