Kultur : Mauern aus Luft

Sou Fujimoto, Architekt des Serpentine Pavilion, erkundet in London die Grenzen der Architektur.

von
Gestänge. Fujimotos Pavillon.Foto: I. Baan
Gestänge. Fujimotos Pavillon.Foto: I. Baan

Bei grauem Himmel, der ja in London nicht unbedingt selten vorkommt, ist der diesjährige Sommerpavillon der Serpentine Gallery kaum zwischen dem grünen Laub der Bäume zu entdecken. Eine Art Gerüst, ein Gestänge, das aber nichts trägt, kein Dach – nichts, das Architektur kennzeichnet. Erst beim Herankommen entdeckt man Menschen, die in diesem Gerüst herumsteigen, die Halt finden auf durchsichtigen Bodenplatten, die zwischen manchen der in immer gleichem modularen System zusammengesteckten Stangen eingesetzt sind und eine Art Klettersteig bilden.

Bereits zum 13. Mal lässt die Serpentine Gallery mitten in den Kensington Gardens neben ihrem eigenen Landhausbau einen Pavillon errichten – von einem Architekten, der oder die bis dahin noch nie im Vereinigten Königreich gebaut haben darf. Eine Premiere also, eine Bühne für einen in Großbritannien noch unbekannten, sei’s vielversprechenden, sei’s anderenorts bereits hervorgetretenen Vertreter seiner Zunft. Da der „Serpentine Pavilion“ längst zu einer internationalen Attraktion geworden ist, von der jedes Jahr spektakuläre Einfälle und mindestens der Start einer Weltkarriere erwartet werden, ist es mit der hehren Regel nicht mehr ganz so weit her. Als im vergangenen Jahr das Schweizer Duo Herzog/de Meuron bauen durfte, mit der Tate Modern nun wahrlich landesweit berühmt, dann nur wegen der Verrenkung, sie bauten ja zusammen mit dem chinesischen Allrounder Ai Weiwei.

Diesmal allerdings kommt tatsächlich ein Neuling zum Zuge: der Japaner Sou Fujimoto, mit 41 Jahren der zum Zeitpunkt der Beauftragung jüngste aller bisherigen Serpentine-Baumeister. Er hat mit Toyo Ito zusammengearbeitet, dem Meister temporärer und aus Materialien wie Pappröhren erstellter Behausungen. Zur Zeit widmet ihm die Kunsthalle Bielefeld eine Ausstellung unter dem bezeichnenden Titel „In einem Haus zu wohnen ist wie in einem Baum zu wohnen“. Fujimotos „Haus N“ ist in der Tat eine Art eingehüllter Garten, und sein „Endgültiges Holzhaus“ besteht aus längs und quer geschichteten Balken. Näheres ist im Büchlein nachzulesen, das zum „Serpentine Pavilion“ erschienen ist und das die Bezüge des Pavillons zu den japanischen Arbeiten des Architekten auslotet.

Fujimotos Gestänge in London besitzt gleichfalls keine Außenwände und erst recht kein Dach, sondern beginnt wie ein „Cluster“ irgendwo, verdichtet sich und franst dann wieder aus. Dieses Gestänge also simuliert nur Architektur, so man sie versteht als Aufrichtung einer Grenze zwischen Draußen und Drinnen, und macht sie zum bloßen Schemen.

Im Inneren – denn das Gestänge hat ein frei gelassenes Innere mit der vagen Anmutung einer Höhle – gibt es ein paar selbstverständlich weiße Tische und Stühle, die von einer außerhalb gelegenen Kaffeebar aus versorgt werden. Seit Jahren gehört es zum festen Bestandteil des Sommerpavillons, als Park-Café zu dienen und damit wenigstens ein Minimum jener „Nützlichkeit“, jener utilitas zu gewährleisten, die seit Vitruv vor 2000 Jahren als notwendige Bedingung der Architektur abverlangt wird. Denn das bloße Herumklettern im Gestänge und über die transparenten Bodenplatten ist erkennbar nicht jedermanns Sache. Da besaßen frühere Pavillons wie Jean Nouvels knallrote, arena-artig ansteigende Sitzbank-Konstruktion doch größeren Gebrauchswert. Und Herzog-de-Meuron-Ai-Weiweis Erdhöhle vom vergangenen Jahr bot zumindest Schutz vor Regen, wenngleich nicht gegen von unten eindringende Feuchtigkeit.

Sou Fujimoto hat sich in Japan mit „Mikroarchitekturen“ einen Namen gemacht, wie jene kleinmaßstäblichen, herausfordernd bescheidenen Bauten genannt und in der Architekturszene derzeit stark beachtet werden. In Tokio hat er ein geschachteltes Häuschen errichtet, allerdings ganz architektonisch mit Wänden und Bedachung. Insofern ist sein Londoner Erstling eine Etude in räumlichem Denken, ohne jedes Nutzungs- oder gar Verwertungsinteresse. Der Architekt selbst sagt, er habe „etwas zwischen Natur und Architektur schaffen wollen“, und genau das ist ihm gelungen: etwas zwischen Himmel und Erde, Tag und Traum, Haus und Gerüst. Es darf halt nur nicht regnen. Bernhard Schulz

0 Kommentare

Neuester Kommentar