Kultur : Mauern für die Freiheit

Thomas Freyers „Separatisten“: Uraufführung am Maxim Gorki Theater

Jan Oberländer

Da liegt ein weißer E-Gitarren-Engel auf der Studiobühne des Berliner Maxim Gorki Theaters, ein Knie angewinkelt, die Stratocaster überm Bauch. Die Intimität der kleinen Spielstätte, in der der Weimarer Regisseur Tilmann Köhler das Stück „Separatisten“ seines Jugendfreundes Thomas Freyer zur Uraufführung bringt, zeigt sich auch darin, dass man die paar schweren, angezerrten Töne, die Anika Baumann aus ihrem Instrument zupft, nicht nur über die Boxen hört, sondern auch als helles Plingplang direkt von der Gitarre.

Ein flacher Querkasten ist die von Annette Riedel gestaltete Bühne, die seit einigen Wochen Plattform für den mit „Kloster der Wut“ überschriebenen Experimentalraum aus Uraufführungen und Gesprächen ist. Die mit silbergrauer Plane verhängten Wände scheinen wie für Köhlers Inszenierung gemacht. Anfangs denkt man an eine Mondwüste, wenn Anika Baumann als Rike die Gitarre weglegt und in ihrem Eröffnungsmonolog Hitze und Staubigkeit einer versteppenden Ostplattenbaulandschaft beschreibt: „In meinem Kopf rieselt der Sand.“ Später wird die Folie zum eisernen Vorhang, wenn der bebrillte Demagoge Johan (Max Simonischek) die Abspaltung von der fernsehsedierten Damentennis-Quiz-Geldwelt bekannt gibt: „Wir bauen einen Zaun!“

Autor Freyer und Regisseur Köhler – er ist mit seiner Weimarer Inszenierung „Krankheit der Jugend“ jetzt beim Berliner Theatertreffen dabei – sind in Gera zusammen aufgewachsen. Zwar haben beide nicht mehr viel von der DDR mitbekommen. Für den 27-jährigen Köhler bleibt das Heute-Deutschland dennoch eine „geteilte Heimat“, wie er der „taz“ sagte. Bei allen Reminiszenzen an die Berliner Mauer – der Grenzzaun der „Separatisten“, an dem die Edeka-Verkäuferin Anita mit Plastikwasserflaschenpistole bewaffnet Nachtpatrouille schiebt, sperrt nicht ein. Er sperrt die Außenwelt aus. „Man mauert sich ein, um frei zu werden“, sagt Köhler. Innerhalb eines Jahres soll das Viertel autark sein, verkündet der verstockte Johan, dem nur seine utopischen Großvisionen die Stammelzunge lösen: „Wenn der Zaun steht, sprengen wir das Kaufland. Die Schleckermärkte. Edeka. Wir beseitigen die Trümmer. Wir bauen an, was wir essen werden. Nicht mehr.“

Eine echte Heimat, das ist es wohl, wonach sich die Figuren sehnen. Sebastian Kaufmane zeigt mit seinem Alex eindrucksvoll, wie nötig der eine Idee braucht von einem Leben jenseits des großen Stand-by der Plattenbauwüste. Alex knallt sich vor lauter Frust und Lust und Energieüberschuss buchstäblich gegen die Wand. Seine Ausbrüche sind von bisweilen schillerschem Pathos: „Als hätt’ ich zu viel Blut in mir!“ Alex ist ein Stürmer, der seinen Dränger sucht. Der stotternde Johan schickt ihn los, Abrissmaschinen sabotieren, Antennen kappen. Alex funktioniert perfekt: „Waffenladen war leicht. Also: nächster Auftrag!“ Und wenn Johan mal zaghaft wird, richtet ihn Alex wieder auf. Kein Führer ohne Geführte. Doch man sieht hier keine Wehret-den-Anfängen-Parabel. Im Gegenteil. Es geht ja gerade darum, einfach mal anzufangen.

Weil man einfach mal anfangen muss! Johan ist kein Hetzer. Eher ein verzweifelter, ein leicht verpeilter Träumer. Ein Eigentlich-Guter. Einer, in dem sich so viel Enttäuschung aufgestaut hat, dass es irgendwann einfach mal reicht. „Ich will atmen!“ sagt er, und die anderen sagen das auch. Mit Johans Plan gibt es plötzlich ein Projekt. Ein Wir. Und damit eine Perspektive. Diese grauen, grau gekleideten Menschen (Kostüme: Karoly Risz), sie kommen plötzlich wieder zu sich und zueinander. „Jeder war verantwortlich … Alle hier hatten was zu tun.“ Wenn Ursula Werner als Anita davon erzählt, wie sie jetzt immer eine Pistole dabei hat, „beim Arbeiten im Rucksack unter der Kasse, und zu Hause im Schrank, hinter den Haushaltsordnern“, da merkt man einen Kitzel. Nicht den der Waffengeilheit, sondern den der Veränderung – und den der Angst vor einem neuen Leben.

Plingplang. Das Stück endet mit einem Angsttraum, den Rike erzählt. Sie fährt nach Süden, ihre Mitstreiter sitzen mit ihr im Auto. Als das Stauende kommt, lässt sie das Lenkrad los. Plötzlich ist sie alleine im Wagen. „Wir werden mit unseren Versuchen selbst auf die Fresse fallen“, steht in dem Selbstverständigungspapier, das Tilmann Köhler gemeinsam mit seiner Weimarer Stammtruppe verfasst hat. Ein ernsthaftes, entschiedenes Trotzalledem. Rike wacht auf. Sie steht wieder am Zaun. Sie ist nicht allein. Das erste Jahr davor, dahinter – es hat gerade erst begonnen.

Wieder am 11. und 18. Mai.

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