Kultur : Maulheldenfestival im Berliner Tempodrom: Die Legion der Mitlacher

Carsten Niemann

Publikumstechnisch hat das Maulheldenfestival sein erstes Wochendende glänzend bestanden. Wer spät kam, musste hoch hinaufsteigen zu den hintersten Plätzen unterm Dach des Tempodroms. Fast ein Fern-Seh-Erlebnis: das Kabarett-dominierte Häppchen-Programm zur besten Sendezeit. Was jedoch für die originelle a-capella-Truppe "Wise Guys" zu wenig an Einführungszeit war, nutzten wiederum die TV-Profis Matthias Deutschmann und Heinrich Pachl sehr routiniert. Zielsicher trafen selbst Horst Schroths Pointen zur Männerfrauenkiste, auch wenn sein Studienratswitz sich lustvoll der abgestandensten Topoi bediente. Das schrille Geräusch, mit dem Schroth nachahmte, was beim Beziehungs-Talk so im Männerhirn ankommt, beherrschte die Pausengespräche. Sicher, Kabarett darf durchaus in der Masse funktionieren, ohne sich dabei gleich zu kompromittieren; das Scheibenwischer-Publikum fühlt sich nur deswegen so kritisch-exklusiv, weil es vor dem heimatlichen Apparat nicht die Legion der Mitlacher wahrnimmt. Doch lohnte sich der run auf die Kleine Tempodrom-Arena nicht nur zur Befriedigung des Verlangens nach einer exklusiven Besserwisser-Gemeinschaft. Das Sendungsbewusstsein, mit dem der Schwarzamerikaner Shabaka das Schicksal seiner versklavten Vorfahren nachzeichnete, berührte und verunsicherte zugleich - Pointenjäger blieben bei seinem "Djungle-Bells"-Programm trophäenlos. Lachsatt dagegen geht es in den Sendeschluss: Ohne Skript und Teleprompter zeigten die Kreuzberger Gorillas, welche ungeahnten Pointen im Improvisationstheater auf Zuruf stecken. "Peinliche Extase" gesungen und getanzt - das gibt es oft auf dem Bildschirm, aber selten so schön satirisch zugespitzt wie hier.

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